Aus der Eröffnungsrede: Rotraud Hofmann und Brigitte Wilhelm – Die Zeit der Steine, Schwäbisch Gmünd, Gmünder Kunstverein / Galerie im Kornhaus, bis 8. August 2010 - Kunstgeschehen>
Aus der Eröffnungsrede: Rotraud Hofmann und Brigitte Wilhelm – Die Zeit der Steine, Schwäbisch Gmünd, Gmünder Kunstverein / Galerie im Kornhaus, bis 8. August 2010
erschienen 29.07.2010 | Günter Baumann
Erich Frieds Gedicht "Die Zeit der Steine" dient der Ausstellung als Aufhänger und Inhalt zugleich. - Denn was am Ende der Zeit bleibt, so die Pointe des Gedichts, ist der Stein. Die ausstellenden Bildhauerinnen Rotraud Hofmann und Brigitte Wilhelm nähern sich ihrem Werkstoff dabei auf unterschiedliche Weisen. Günter Baumann hat ihre Skulpturen näher betrachtet.
(…) Die Zeit der Steine. Das Sprachbild, das leitmotivisch unsere Ausstellung begleitet, stammt in dieser Formulierung von dem Dichter Erich Fried. »Die Zeit der Pflanzen / dann kam die Zeit der Tiere / dann kam die Zeit der Menschen / nun kommt die Zeit der Steine« – so lautet die erste Strophe seines Gedichts. Der Lyriker setzt sparsame Mittel ein, um nichts weniger als eine erdgeschichtliche Entwicklung auszubreiten: Die Zeit der Pflanzen liegt schon so weit zurück, dass sie nur noch zu einer grammatisch unvollständigen Feststellung dient, ohne Verb, das heißt ohne Erinnerung an handelnde Elemente. Mit einem zweifachen »dann kam« setzt Fried die Genese fort, die – ganz folgerichtig – die Tiere und den Menschen als bestimmende, zeitprägende Wesen einsetzt. Überraschend ist der vierte Vers, der ausgerechnet in Gegenwartsform, »nun kommt«, ein neues Zeitalter einläutet: »die Zeit der Steine«, jenes Naturprodukt, das doch schon da war, als es noch keine Menschen, Tiere oder Pflanzen gab. Was Erich Fried nun aus dem sprachlichen Material macht, gehört zwar in den Bereich der Spekulation, steht aber wie gemeißelt da, markant, nachdrücklich und ohne Punkt und Komma als Wissen deklariert. »Wer die Steine reden hört / weiß / es werden nur Steine bleiben«, hebt er an und scheinbar gleich komponiert fährt er fort: »Wer die Menschen reden hört / weiß / es werden nur Steine bleiben«. Formal sind diese beiden Dreizeiler tatsächlich parallel aufgebaut, doch während der Leser im ersten Teil irritiert zur Kenntnis nimmt, dass die Steine zu kommunizieren imstande sind, und der Angesprochene sich im klaren ist und ausdrücklich »weiß«, dass die Steine noch sein werden, wenn er selbst nicht mehr da ist, so trifft der Leser im zweiten Teil auf den Mitmenschen. Die Strophenkonstruktion legt zunächst den Schluss nahe: Wer den Menschen reden höre, wisse, dass nur der Mensch bleiben werde. Doch da hat der Leser die Rechnung ohne den Stein gemacht und ohne denjenigen, der den Menschen bis in sein Innerstes kennt. Wer immer es wissen kann, Mensch hin, Mensch her: Was bleibt, ist der Stein.
Meine Damen und Herren, sehen Sie mir diesen Exkurs in lyrische Gefilde nach, aber es ist zu verlockend, die Metapher im Ausstellungstitel wörtlich zu nehmen – abgesehen davon gibt mir Erich Fried indirekt (…) eine Steilvorlage, die zum Werk von Brigitte Wilhelm und Rotraud Hofmann führt. Der Dichter macht uns unbewusst klar, wie eng seine Sprache mit der der Bildhauerinnen korrespondiert, die fernab einer naturalistischen Widergabe der schöpferischen Form verpflichtet sind. Lassen Sie mich einen anderen Bildhauer zitieren, der in diesem Kontext schrieb:
»Naturalismus, also das Abbild oder einfach die sklavische Widergabe der Natur hat wohl mit Können, aber nichts mit Kunst zu tun. Ohne Verbindung mit den geistigen Urkräften kann keine große Kunst erstehen. Es wächst ein Kunstwerk organisch dem Willen eines höheren Bewusstseins unterworfen und ruht in seinem eigenen Gesetz – rein von jeder Willkür. Bedenken wir, dass ein Mensch den ganzen Kosmos in sich birgt, so kommen wir bei der Betrachtung eines Kunstwerkes der Fantasie und dem Schöpfungsimpuls etwas näher. Der Künstler bleibt nicht an der Oberfläche kleben, er geht dem Darzustellenden auf den Grund und hebt dessen Wesen in ein Sinnbild höherer Wirklichkeit.« Der das schrieb, war der Professor und Bildhauer Otto Baum, ehemaliger Lehrer von Brigitte Wilhelm und Rotraud Hofmann an der Stuttgarter Kunsthochschule. Er war wohl nicht so einfach im Umgang, und er verschloss sich in den 1960er Jahren mehr und mehr der Öffentlichkeit, was auch für seine Schule bedeutete, außerhalb des Rampenlichts ihrer Idee zu folgen und sich selbst treu zu bleiben: So konnte sie kommen, die Zeit der Steine.
Letzte Änderung: 09.08.2010, 09:46












