100 BESTE
PLAKATE
25
Luzern, 3. – 10.10.2026
Seoul, 3.10. – 1.11.2026
01. Aug. 2026,
Geschrieben von Torsten Kohlbrei
Plakate sind plakativ. Sonst würden sie nicht so heißen. Sie sind laut, fassen sich kurz, drängen sich vor unsere Augen. Und sie haben zumeist einen klaren Auftrag: Jetzt hinsehen. Jetzt kaufen. Die vom Verein „100 Beste Plakate“ als Gewinner für das Jahr 2025 ausgewählten und noch bis zum 2. August 2026 auf dem Gelände des Weltkulturerbes Zeche Zollverein in Essen gezeigten Arbeiten sind anders: Viele lassen erst auf den zweiten, dritten Blick erkennen für welche Botschaft sie stehen. Ihr ganzer Stolz ist das Spiel mit den gestalterischen Mitteln.
Da gibt es wilde Collagen und strenge Kompositionen, psychedelische Farben und typographische Explosionen, kleinteilige Illustrationen und große Gesten. Torsten Kohlbrei hat sich ein Bild von der diesjährigen Auswahl des seit 2001 durchgeführten Wettbewerbs gemacht: 100 beste Plakate aus Deutschland, Österreich und der Schweiz.
Ausstellungsansicht, 100BP-Tour-A1-Essen Foto © Torsten Kohlbrei
Weitgehend auf sich selbst gestellt, da kaum Erläuterungen zu den Gruppierungen zu finden sind, ergibt sich eine sehr individuelle Rezeption.
Der Verein mit dem merkwürdig spröden Namen „100 Beste Plakate e.V.“ wurde vor mehr als 25 Jahren gegründet. Seinem Engagement ist es zu verdanken, dass die bereits 1966 in der DDR begonnene Wettbewerbsidee nicht nur weitergeführt, sondern auf den gesamten deutschen Sprachraum ausgeweitet werden konnte. Neben der Station in Essen ist die Auswahl für das Jahr 2025 bis zum Frühjahr 2027 in zwölf anderen Städten sowie online zu sehen.
Für die Essener Präsentation haben die lokalen Organisatoren (Museum Folkwang, Stiftung Zollverein, Folkwang Universität) mit dem weitgehend leerstehenden SANAA Gebäude einen Ort gefunden, der zum konzentrierten Kreativerlebnis einlädt. In den das ganze Geschoss umfassende Ausstellungsraum werden die Plakate mittels einer Rohrrahmenkonstruktion vorgestellt. So kann auf die üblichen Stellwände verzichtet werden und es bieten sich je nach Position im Raum unterschiedliche Möglichkeiten der Zusammenschau. Stets gegenwärtig sind die Beton-Außenwände mit ihren großen unregelmäßig eingeschnittenen Fensterflächen, die den Raum einerseits mit Tageslicht füllen, die Trennung von drinnen/draußen verwischen und nun wie Plakatflächen einer ganz besonderen Art wirken.
Gestalter: gggrafik Götz Gramlich, Maxwell Hathaway, Joshua Kaiss D-Heidelberg Plakat: Spielzeit 2025/26 drei aus einer Serie von 13 Plakaten für Theater Oberhausen, D Oberhausen
Gestalter: Jeremy Traun A-Wien Plakat: Buy Buy Culture für qujOchÖ, A Linz
Gestalter: Emely Ulmer D-Stuttgart Plakat: Hygieneartikel für Merz Akademie – Hochschule für Gestaltung, Kunst und Medien, D Stuttgart Uni/Betreuung (falls zutreffend): Projektauftrag an der Merz Akademie
In dieser zwischen Baustelle und Kontemplation changierenden Atmosphäre wandern die Besucher:innen nun an den 159 Exponaten (einige Siegerplakate werden als Serien gezeigt) vorbei. Weitgehend auf sich selbst gestellt, da kaum Erläuterungen zu den Gruppierungen zu finden sind, ergibt sich eine sehr individuelle Rezeption. „Triggert“ den einen die Gestaltung aus neongrünen und violetten, amorphen Formen (Siebdruck, Melissa Frongillo), die sich recht schnell als Hinweis auf das „7° Tourne – Films Festival Lausanne“ zu erkennen gibt, verlieren sich andere Besucher:innen in der detailfreudigen, illustrativen Arbeit von Emely Ulmer zum Thema „Hygieneartikel“ (für Merz Akademie Stuttgart; Siebdruck).
Wieder andere versuchen, die collagenartige Gestaltung „Salon d’Amour“ des Büros Peach aus Wien zu entschlüsseln (Künstlerpublikation zur Performance von Margret Wibmer; Digitaldruck,). Der Besuch gleicht einer Reise durch die Vielfalt kreativer Ansätze auf wenigen Quadratmetern. Wer dann nach dem Besuch gefragt wird, was er denn nun gesehen hat, wird mit der Antwort zögern. Der Anlass für die einzelne Plakatschöpfung ist schnell vergessen, es bleibt bei der Entdeckung von visuellen Effekten und beeindruckenden Gestaltungen.
Der Besuch gleicht einer Reise durch die Vielfalt kreativer Ansätze auf wenigen Quadratmetern.
Installationsansicht Museum Folkwang, 100 Beste Plakate 25 (Deutschland/Österreich/Schweiz), Foto © TanjaLamers, Museum Folkwang Essen
Gestalter: Viktor Briestensky D-Berlin Plakat: Oooohhh für Mac DeMarco / Columbiahalle, D Berlin
Installationsansicht Museum Folkwang, 100 Beste Plakate 25 (Deutschland/Österreich/Schweiz), Foto © TanjaLamers, Museum Folkwang Essen
Ein Plakat kann eben vielmehr als „Billig! Billig!“
Hinzufügen lässt sich, dass mehr als 80 % der ausgezeichneten Plakate eine Kulturveranstaltung „bewerben“, daneben sind auch gesellschaftspolitische Äußerungen vertreten. Blockbuster-Veranstaltungen sind selten zusehen, die Ausstellung „Fünf Freunde“ des Museum Brandhorst (von PARAT.cc; Offsetdruck,) markiert eine Ausnahme. Es sind neben studentischen Einreichungen die Drucke regionaler Häuser, die belegen, dass die ambitionierte Plakatgestaltung für die Kommunikation Relevanz besitzt. (Dommuseum Hildesheim, Studio Yannick Nuss; Staatstheater Mainz, Neue Gestaltung; beides Offsetdruck). Die Einreichungen des Theater Oberhausen zur Spielzeit 2025/26 (gggrafik; Digitaldruck) zeigen beispielhaft, dass die „analogen“ Plakate Teil des übergreifenden Markenbildes sein sollten oder dieses sogar prägen können. Entsprechend begegnet man auf der Theater-Website Animationen, die von den Plakatentwürfen ausgehen.
Auch diese Verbindung von statischer und dynamischer Gestaltung zeigt, dass der Verein mit seiner Zielsetzung nicht allein ist. „100 Beste Plakate“ möchte das visuelle Medium pflegen und weiterentwickeln. Besonders gut gelingt dies übrigens in der Schweiz, von den 100 ausgezeichneten Arbeiten kommen 62 von dort, 8 aus Österreich und 30 aus dem größten Teilnehmerland Deutschland.
Ob jede Arbeit der insgesamt 676 Einreicher:innen tatsächlich öffentlich kommuniziert hat oder direkt mit Blick auf den Wettbewerb angelegt wurde, ist für die Betrachter:innen schwer zu entscheiden. Klar wird jedoch, welche unerschöpfliche Vielfalt so ein A0 Bogen bietet. Ein Plakat kann eben vielmehr als „Billig! Billig!“
PARAT.cc Jonas Beuchert D-München Plakat: Fünf Freunde für Museum Brandhorst, D-München
Der Verein 100 Beste Plakate e.V. ist ein Interessenverband für Gestaltung, Grafik, Design und die grafischen Künste in den Ländern Deutschland, Österreich und der Schweiz. Gegründet wurde der Verein mit dem Ziel, das Medium Plakat mit höchstem gestalterischen Anspruch zu fördern, zu prämieren und im öffentlichen Bewusstsein zu verstärken.