An die Schönheit Otto Dix Von der Apotheose zur Todsünde
29. Juli 2025
Wilhelm Heinrich Otto Dix (1891-1969) ist ganz gewiss ein Meilenstein in der Kunst der Moderne.
Stellvertreter ja Aushängeschild der Neuen Sachlichkeit? Weit mehr, weil er über jede ihn einordnende Grenze hinausragt. Das Besondere an seiner Kunst: Die Wirklichkeit zu zeigen. Womit sich zugleich eine große philosophische Frage ankündigt. Otto Dix gelang es, die Wirklichkeit in einer ihm eigenen Note an das Publikum ‚zu bringen‘ und zwar eine Wirklichkeit, die sich als nicht nur schön im Sinne eines allgemeinen Geschmacks bezeugt. Dietrich Schubert bezieht sich in seinem Werk deshalb speziell auf die Schönheit der Frau und wie Dix sie sah. Die Kinderbilder sind ebenso ein Eckpunkt und auch von dort aus entwickelt sich ein neuer Aspekt. Es ist ein die Bilder tragender Humor. Doch der Autor thematisiert auch en détail die Kriegsbilder, mit der Aura des Schreckens. Es sind Erlebnisse, die der Künstler mit eigenen Augen immer wieder durchlebte. Dix schaut nicht weg, will nicht vergessen. Er malt und gestaltet was er will und wie er will. Dies ist nicht zu übersehen. Der eigenwilligen Linie des Otto Dix ist Melanie Obraz ebenso eigenwillig gefolgt.
Oft skurril und grotesk will Dix nur das Malen, was er sieht und so vertraut er allein seinen Augen. In diesem Sinne portraitiert er die gesamte Zeit der 1920er Jahre auch als Amüsierbetrieb – in welchem sich das Unheil schon anzukündigen scheint. Seine Bilder sind oft zart, pastellartig und stets präzise in der Ausarbeitung. Modische Accessoires sieht er ebenso wie den leeren Blick eines Menschen. Auch die pornographisch anmutenden Werke leben von einer Tragik. Dix ist stets auf der Suche nach den Extremen und den Extremfiguren. Hier entsteht eine eigenwillig anmutende Ästhetik, die von seinem Freigeist herrührt. Obwohl er sich mit anderen Kunstströmungen immer im Austausch sah, ließ er sich von keiner Gruppe vereinnahmen. Sezierte Dix mit seiner Malerei? Manche sprechen gar von einem sezierenden Blick. Er deutet auf die Ängste, das Laster, das Schöne wie ebenso auch das Hässliche, weil sich alles im Leben zeigt und oft nebeneinander steht.
Dix war fasziniert von dem Menschen in der spezifischen Eigenart und nicht wie der Mensch sein sollte. Ihm war es wichtig, die Grenzbereiche des Lebens in der Kunst sichtbar zu machen. Otto Dix provoziert und will das Publikum nicht (ver-)schonen. Tabus sind ihm fremd. Die Moralisten sind ihm ein Greul. Dietrich Schubert nimmt viele Themen auf, dennoch ist es hier vor allem die Darstellung des Weiblichen, die zentral steht. Oft portraitierte Dix Personen der Avantgarde wie Anita Berber (1899-1928 ), jene Tänzerin die als Sinnbild für das Extreme und die Ekstase stand. Ihre Portraits bezeugen eine eigene Zeichensprache, die sich durch die Betonung der Hände bekundet. Es sind die Hände, die für Dix ein Faszinosum darstellen, wie er es auch im Portrait des Juweliers Karl Krall zum Ausdruck bringt.
Doch bei aller Eigenständigkeit hebt der Autor den Einfluss von Seiten der Klassiker Albrecht Dürer, Urs Graf, Lukas Cranach d.J., Hans Baldung Grien und Matthias Grünewald hervor, womit letztendlich wiederum die Eigenart bei Dix klar hervorsticht. Darüber hinaus verarbeitet Schubert an Beispielen namhafter Künstler, quasi ein Programm quer durch die Epochen der Kunstgeschichte, um hieran Verbindungslinien zu Dix oder eben Kontrapunkte offen zu legen.
Krieg, soziales Elend und die Prostitution sind Themen, denen sich Dix im Besonderen widmet. Der Krieg und die Facetten jener unaussprechlichen Grausamkeit bannt er mit Malgeräten auf die Leinwand und weiß, dass es darum geht, jene schlimmen Augenblicke festzuhalten. Dennoch betont Dix die Schönheit neben der Hässlichkeit und scheut sich nie, beides als Selbstverständlichkeit auf die Leinwand zu bannen. Es geht um Grenzen, die er überschreiten will und nicht zuletzt deshalb entzieht sich seine Kunst jeglichen Schubladendenkens. Er zeichnet den Menschen als völlig Zerbrochenen und einem dem Hass wie dem Leid Ausgelieferten. Ein spezieller Exkurs des Buches zur Thematik des Krieges „Der große Krieg – La grande Guerre“ macht das Leiden des Menschen als Mittelpunkt einer leidgeprüften Gesellschaft in schonungsloser Weise sichtbar. Auch das Bild „die sieben Todsünden“ (1933) steht exemplarisch für den Abgrund alles Menschlichen – inmitten Hitler als Personifikation des Neides.
Dix, der exponierte Künstler der Wanderausstellung der Entarteten, war auch – obwohl kein religiöser Mensch – der Kunst des Religiösen zugetan.
Sein Anliegen: die ursprüngliche Thematik des Religiösen darzustellen. Die Passion Christi mit den Motiven der Geißelung, der Verspottung, der Kreuztragung, der Kreuzaufrichtung, der Kreuzigung, der Auferstehung – und mehrfach das Ecce Homo sind Themen, die von Dix in sein Licht gerückt werden. Darin besteht die Schönheit, die hier gemeint ist. Andererseits gibt es auch Bilder wie „Dame mit Reiher“, (Aquarell 1922/23). In zartem Blau-Grün kreiert Dix hier die Schönheit einer Frau mit ihrem magisch anmutenden Blick – übrigens eine Widmung an seine Martha.
Doch beispielhaft stehen die Gipsplastik des Nietzschekopfes, das Bild des Streichholzhändlers wie auch der hl. Christopherus für die höchst eigene Dixsche Sichtweise auf die gesellschaftlichen Gegebenheiten seiner Zeit. Dix sammelte und setzte aus jenem Gesammelten etwas zusammen und obwohl seine Bilder figurativ anmuten, sind sie nicht realistisch. Es ist jene Besonderheit, auf die sich auch die Betrachter:innen einlassen müssen, um die Bandbreite der Aussage aufnehmen zu können. Das gewisse Gruselige ist oft unterschwellig spürbar. Alles erscheint in gekonnter Verfremdung. Sogar seine Krüppelbilder verbinden das Makabre und das Lächerliche wie das Widersinnige und obwohl nie ein klassenkämpferischer Kritiker, war ihm das Bürgertum mehr als nur unsympathisch, ja er lehnte den Bürger ab, der ihm in Konventionen verstrickt schien und in einer Verlogenheit daherkam.
Auch stilistisch setzt sich Dix keine Grenzen. Was die Technik hergibt, wird ausgereizt. Später ist es die Prima-Malerei, die kennzeichnend für Dix steht, mit welcher er seine Treffsicherheit in puncto der Farbgebung akzentuiert. Überhaupt gibt es bei Dix eine reiche Palette an Stilrichtungen, in welchen er sich aber nie ausschließlich befindet, sondern jene eher als Durchgangsstadium nutzt. So arbeitet er vor dem ersten Weltkrieg eher expressionistisch, kubofuturistisch, um über Dada zu seinem so sehr prägenden direkten und auch brutalen Verismus zu gelangen. Nur die Abstraktion hat er nie mitgemacht, weshalb wohl 1953 seine Werke in Hamburg vom Deutschen Künstlerbund zurückgewiesen wurden – war er doch nicht in dem Sinne modern.
Das Besondere diese Buches über Otto Dix besteht in einer detaillierten Vielseitigkeit, die auf die Eigensinnigkeit des Künstlers Bezug nimmt.
Sogleich wird klar, dass sich das vielschichtige Werk des Otto Dix nicht eingrenzen lässt. So auch die mannigfaltigen Erwähnungen der Künstler Munch, Corinth, Grosz, Rodin, Rubens, Toulouse-Lautrec und Egon Schiele bis hin zu Elfriede Lohse-Wächtler, Roy Lichtenstein und Normunds Breslins mit seiner Darstellung des Weiblichen (2011/12) – um nur diese zu nennen. Darüber hinaus werden die Bilder der im Buch genannten Künstler analysiert und eröffnen den Lesern:innen einen Überblick auch hinsichtlich des jeweiligen Zeitgeschehens. Als Fazit sei formuliert, dass obwohl Dix mit zahlreichen Künstlern im Austausch stand, er doch klar bei sich blieb – eben als schöpferischer Geist. Auch deshalb ist es der eigene und nicht artige Blick des Otto Dix, der uns In dieser Weise vom Cover des Buches anblickt, in jenem Bild „An die Schönheit“, 1922, (Von der Heydt-Museum, Wuppertal). Abschätzend, ernsthaft und auf jeden Fall geheimnisvoll. Man will mehr über den Mann im Mittelpunkt des Bildes erfahren.
Das in Dixscher Farbigkeit gekonnt aufgemachte umfangreiche und in jeder Hinsicht schwerwiegende Werk, verströmt geradezu eine von Dix getragene Magie. Briefe und Zeitzeugen bekunden hier einen Einblick, welcher sich dann auch auf die Leser:innen überträgt, so als hätte man selbst Anteil gehabt und erinnere sich nun erneut daran. Der Autor präsentiert mit „An die Schönheit Otto Dix“ ein anspruchsvolles Werk, welches dennoch die Leser:innen nicht überfordert, da erklärende Querverweise und zusätzliche Stichworte in Fettdruck hilfreich sind. So gelingt ein einzigartiger Einblick in die Kunstwelt des Otto Dix.
Titel: An die Schönheit Otto Dix Von der Apothese zur Todsünde
Herausgeber: Michael Imhof Verlag GmbH & Co. KG; 1. Edition (9. Dezember 2024)
Herausgeber: Michael Imhof Verlag GmbH & Co. KG; 1. Edition (9. Dezember 2024) 2024
Sprache: Deutsch
Gebundene Ausgabe : 464 Seiten
ISBN-10 : 3731914212
ISBN-13 : 978-3731914211
24 × 29 cm, 464 Seiten, 304 Farb- u. 159 SW-Abbildungen
Hardcover
ISBN 978-3-7319-1421-1
49,95 Euro (D), 51,40 Euro (A), 57,40 CHF