„ANDROS“
im
DOX Centre for Contemporary Art in Prag
29. Sep. 2026,
Geschrieben von Andreas Maurer
Männlichkeit in Auflösung. Eine Aktuelle Ausstellung in Prag untersucht den männlichen Körper zwischen Rollenbild, Fragilität und Selbstbehauptung.
Ausstellungsfoto © Jan Slavik
Männlichkeit ist keine fest umrissene Kategorie, sondern etwas, das hergestellt und immer wieder neu zusammengesetzt wird.
Was ist ein Mann? Mit dieser grundsätzlichen Frage trifft die Schau „ANDROS“ im Prager DOX Centre for Contemporary Art einen bemerkenswert zeitgenössischen Nerv. Denn das Bild von Männlichkeit befindet sich in Bewegung: Traditionelle Rollenmuster verlieren an Verbindlichkeit, während neue und nicht selten erstaunlich aggressive Vorstellungen davon entstehen, wie ein Mann auszusehen, zu handeln und sich zu behaupten habe. Zwischen größerer Freiheit und neuer Verunsicherung öffnet sich ein Spannungsfeld, das weit über Fragen von Geschlecht oder Körper hinausweist.
Kurator Vratislav Maňák versammelt in ANDROS eine außerordentlich breite Auswahl zeitgenössischer Künstler:innen aus Mitteleuropa, die sich auf sehr unterschiedliche Weise mit dem männlichen Körper bzw. dem Bild von Männlickeit und den Vorstellungen auseinandersetzen, die daran geknüpft werden. Das Fazit: Männlichkeit ist keine fest umrissene Kategorie, sondern etwas, das hergestellt und immer wieder neu zusammengesetzt wird.
Historisch war der männliche Körper in der europäischen Kunst schließlich alles andere als neutral. Er stand für Stärke und Schönheit, für Heldentum, Autorität und Macht. Von antiken Idealfiguren bis zu Herrscherbildnissen wurde über den Körper zugleich eine gesellschaftliche Ordnung sichtbar gemacht. Der Mann verkörperte nicht nur den Menschen, sondern häufig ganz selbstverständlich auch dessen vermeintliche Norm.
Diese Selbstverständlichkeit ist – und das ist gut so – längst verloren gegangen. „ANDROS“ interessiert sich daher gerade für jenes Bild des Mannes oder der Männlichkeit, das danach kommt. Der fragmentierte männliche Torso wird zum Sinnbild einer Identität, die nicht länger als geschlossenes Ganzes gedacht werden kann. Der Mann verliert gewissermaßen seine Konturen. ihm zugeschriebenen Eigenschaften wie Stärke, Aktivität, Unabhängigkeit oder gesellschaftliche Autorität. Der gesellschaftlicher Fortschritt wirft jedoch zugelich die Frage auf, was von den alten männlichen Rollenbildern übrig bleibt (und wodurch sie ersetzt werden).
Ivan Pinkava, Samotar
Ruprecht von Androš
DOX Kurator, Vratislav Manak, Foto © David Konecny
Entsprechend verschieden sind die männlichen Figuren, denen man in „ANDROS“ begegnet. Sie erscheinen mal kräftig und monumental, verletzlich und fragmentiert, selbstbewusst, grotesk, erotisch oder beinahe abwesend. Manche Darstellungen oder Skulpturen wirken wie Überreste eines einst stabilen Ideals, andere wie dessen Übersteigerung. Wieder andere entziehen sich dem Versuch, überhaupt noch eindeutig gelesen zu werden. Gerade die große Zahl unterschiedlicher künstlerischer Positionen verhindert, dass sich die Ausstellung in ihrer Fragestellung verliert.
Besonders interessant ist dabei die Idee des „fragilen Monsters“, wie es in den Ausstellungstexten heißt. Der Begriff beschreibt einen Mechanismus, der weit über den Kunstraum hinausweist. Wenn traditionelle Männlichkeit ihre Eindeutigkeit verliert, kann darauf mit Offenheit reagiert werden, oder mit Überkompensation. Die vermeintliche Wiederherstellung eines alten Ideals produziert demnach keine neue Sicherheit, sondern eine künstliche Figur, deren Übertreibung gerade ihre Unsicherheit sichtbar macht.
An dieser Stelle berührt „ANDROS“ ein ausgesprochen zeitgenössisches Phänomen. Denn während über Geschlechterrollen heute differenzierter gesprochen wird als vielleicht je zuvor, haben sich zugleich digitale Gegenbewegungen formiert. Influencer propagieren wieder Bilder des dominanten, körperlich optimierten, wirtschaftlich erfolgreichen und emotional unangreifbaren Mannes. Muskeln, Statussymbole, sexuelle Attraktivität und Kontrolle werden zu Attributen vermeintlich „echter“ Männlichkeit erhoben. Jedoch: Je dringlicher Männlichkeit demonstriert werden muss, desto deutlicher wird möglicherweise auch die Unsicherheit, aus der diese Demonstration entsteht.
Je dringlicher Männlichkeit demonstriert werden muss, desto deutlicher wird möglicherweise auch die Unsicherheit, aus der diese Demonstration entsteht.
Ausstellungsfoto © Jan Slavik
Head 7, Andros Michal Czinegem, (2013)
Der männliche Körper erscheint am Ende von ANDROS nicht als Antwort, sondern als Austragungsort einer gesellschaftlichen Auseinandersetzung.
Umso bedauerlicher ist es, dass „ANDROS“ seine Besucher:innen bei dieser inhaltlichen Komplexität gelegentlich etwas alleinlässt. Die zentralen Wandtexte entwickeln zwar ein schlüssiges begriffliches Gerüst – etwa über den Verlust von Konturen, die Überlastung des Körpers oder das Bild des fragilen Monsters –, bleiben aber stellenweise sehr knapp. Gerade angesichts der Vielzahl an Künstler:innen und der enorm unterschiedlichen ästhetischen Zugänge hätte man sich häufiger zusätzliche Kontextualisierung gewünscht. Mehr Information hätte die Ausstellung dabei keineswegs akademischer oder schwerfälliger machen müssen. Im Gegenteil: Kurze, präzise Erläuterungen hätten manche Verbindung zwischen kuratorischer These und konkretem Kunstwerk erst richtig sichtbar werden lassen. Gerade weil „ANDROS“ nicht nur eine Ausstellung über Körperbilder, sondern über gesellschaftliche Vorstellungen von Identität sein möchte, wäre diese zusätzliche Vermittlung hilfreich gewesen.
Der Einwand schmälert allerdings nicht die Qualität des Gesamtprojekts. Denn Kurator Maňák gelingt etwas, woran thematische Gruppenausstellungen häufig scheitern: Die Kunstwerke werden nicht bloß zu Illustrationen einer vorab festgelegten These degradiert. Die Ausstellung lässt Widersprüche zu. Es gibt nicht den „einen“ männlichen Körper und folglich auch nicht die „eine“ Krise der Männlichkeit. Stattdessen entsteht ein Panorama unterschiedlicher Erfahrungen von Stärke und Verletzlichkeit, Begehren und Selbstinszenierung, Auflösung und Neuorientierung.
Der männliche Körper erscheint am Ende von ANDROS nicht als Antwort, sondern als Austragungsort einer gesellschaftlichen Auseinandersetzung. Und vielleicht liegt darin die eigentliche zeitgenössische Stärke dieser Schau: Sie verabschiedet ein starres Bild von Männlichkeit, ohne deshalb den Mann selbst verschwinden zu lassen. Zurück bleibt kein fertiges Ideal, sondern etwas sehr viel Interessanteres: Die Möglichkeit von Veränderung.
Ausstellungsfoto © Jan Slavik
ANDROS
DOX, Poupětova 1, Prag
9. 2026 – 24. 1. 2027