BASELITZ
JETZT
01.04.-18.10. 2026
Museum der Moderne, Salzburg
05. Mai 2026,
Geschrieben von Andreas Maurer
Der deutsche Maler Georg Baselitz ist tot. Mit ihm verliert die Gegenwartskunst eine der letzten großen Figuren, die das Bild selbst zum Schauplatz eines radikalen Denkens gemacht haben. (Foto: Martin Müller, Berlin)
Georg Baselitz, Surrealismus die Filzlüge, 2020, Öl auf Leinwand, 300 × 400 cm, Ausstellungsansicht BASELITZ JETZT, © Museum der Moderne Salzburg, Foto: wildbild, Herbert Rohrer
Mit Georg Baselitz verliert die Gegenwartskunst eine ihrer letzten großen Figuren, die das Bild selbst zum Schauplatz radikalen Denkens gemacht haben.
Geboren 1938 als Hans-Georg Kern im sächsischen Deutschbaselitz, wächst er im Schatten des Krieges auf – eine Erfahrung, die sein Werk zeitlebens durchzieht. Früh gerät er wegen seiner individuellen Persönlichkeit, die so gar nicht den sozialistischen Vorstellungen der DDR entsprach in Konflikt mit dem Lehrkörper. Bereits nach zwei Semestern wird Baselitz wegen „gesellschaftspolitischer Unreife“ von der Hochschule in Ost-Berlin ausgeschlossen und setzt seine Ausbildung in West-Berlin fort.
1961 nahm er den Künstlernamen Georg Baselitz an, angelehnt an seinen Geburtsort. Weil aber kaum eine Galerie in West-Berlin zeitgenössische Malerei ausstellen wollte, erst recht keine gegenständlichen Bilder, nahm Georg Baselitz zusammen mit seinem Kollegen Eugen Schönebeck (*1936) die Ausstellung ihrer wilden, figürlichen Werke, selbst in die Hand. Ihre erste gemeinsame Ausstellung organisierten sie in einem zum Abriss freigegebenen Wohnhaus, inklusive eine Art Werbekampagne: Die beiden jungen Wilden verfassten das sogenannte „Pandämonische Manifest“, eine wütende Streitschrift, in der die Künstler das Hässliche, Obszöne und Blasphemische zu den wichtigsten Themen einer neuen figurativen Malerei erklärten. „Wir wollten diese ganze Harmoniesuppe in Berlin ordentlich aufrühren, in der nur alles fade dahindümpelte,“ erinnerte sich Baselitz später in einem Interview. Der Skandal war vorprogrammiert – seine Bilder „Die große Nacht im Eimer“ und „Der nackte Mann“ auf seiner späteren Einzelausstellung wurden zum Gegenstand eines gezielt inszenierten Skandals, der erst nachträglich zur Beschlagnahme durch die Staatsanwaltschaft führte, die ein mit dem Galeristen befreundeter Kunstkritiker initiiert haben soll.
Georg Baselitz, Spanisch Winter, 2020, Öl auf Leinwand, 273 × 173 cm, Privatbesitz, © Georg Baselitz 2026, Foto: Jochen Littkemann
Indem er seine Motive auf den Kopf stellte, entzog Baselitz dem Bild die Lesbarkeit – und machte das Malen selbst zum Thema.
Georg Baselitz, Licht aus, aus, aus, 2019, Öl und Goldlack auf Leinwand, 300 × 212 cm, Privatbesitz, © Georg Baselitz 2026, Foto: Jochen Littkemann
Wir wollten diese ganze Harmoniesuppe in Berlin ordentlich aufrühren.
Der entscheidende Schritt folgte Ende der 1960er Jahre: Baselitz drehte seine Motive um. Was zunächst als offensichtliche Provokation erschien, erwies sich jedoch als präzise Methode. Durch die Umkehrung entzog er das Dargestellte seiner unmittelbaren Lesbarkeit und lenkte den Blick auf das Malerische selbst. Diese konsequente Infragestellung von Sehgewohnheiten wurde fortan zu seinem Markenzeichen und machte ihn zu einem zentralen Protagonisten der internationalen Kunst nach 1945. Während Abstraktion und Konzeptkunst die Galerie- und Museumsszene dominierten, behauptete Baselitz die expressive Kraft der Malerei – allerdings unter völlig veränderten Vorzeichen.
Sein Werk blieb dabei stets autobiografisch, immer wieder tauchten Motive von Identität, Erinnerung und deutscher Geschichte auf, gebrochen durch Verzerrung, Fragmentierung und Übermalung. Auch in seinen öffentlichen Äußerungen insistierte Baselitz auf die Autonomie der Kunst und ihre Widerständigkeit gegenüber ideologischer Vereinnahmung.
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Georg Baselitz, Weißes Bett, weiß, 2022, Öl, Dispersionsklebstoff und Stoff auf Leinwand, 200 × 250 cm, Privatbesitz, © Georg Baselitz 2026, Foto: Jochen Littkemann
BASELITZ JETZT, Ausstellungsansicht, Museum der Moderne Salzburg, 2026, © Museum der Moderne Salzburg, Foto: wildbild, Herbert Rohrer
Wie sehr dieses Denken bis zuletzt wirksam blieb, zeigen die beiden aktuellen Ausstellungen im Museum der Moderne Salzburg (eine davon wurde noch zu Lebzeiten des Künstlers erst vor wenigen Wochen eröffnet). Unter dem programmatischen Titel „Baselitz Jetzt“ richtet sich der Blick auf das Spätwerk: großformatige Gemälde, die weniger auf Provokation zielen als auf Verdichtung. Der alternde Körper, die Mühen des Malens, die Fragilität der Existenz treten ins Zentrum. Baselitz arbeitete häufig mit am Boden liegender Leinwand, integriert Materialien wie Stoffe oder Strümpfe und entwickelt eine Bildsprache, die zwischen Auflösung und Erinnerung oszilliert. Doppelporträts mit seiner Frau Elke – die er während seines Studiums kennengelernt hatte – wurden zu Studien über Nähe und Gleichwertigkeit, zu Bildern, in denen individuelle Züge zugunsten einer allgemeinen Menschlichkeit zurücktreten.
Auffällig ist dabei eine Verschiebung seines ikonischen Prinzips: Das Umkehren wurde ergänzt durch Draufsichten und eine eigentümliche Richtungslosigkeit. Gleichzeitig öffnen sich in diesen Bildern kunsthistorische Resonanzen – Anklänge an Francis Bacon, Jackson Pollock oder Richard Gerstl werden sichtbar, ohne je in „Zitatkunst“ zu kippen. Neu ist auch der Einsatz von Gold, das in seiner Ambivalenz zwischen Ikone und Leere eine existentielle Dimension erhält. Werke wie „Licht aus, aus aus“ oder „die 10. Nacht abwärts“ verdichten Fragen nach Präsenz und Verschwinden, Sein und Vergehen.
Seine Kunst blieb zeitlebens ein Ringen mit Identität, Erinnerung und deutscher Geschichte.
Georg Baselitz, Verzückung, 2020, Öl auf Leinwand, 234 × 164 cm (links), Archinto Zorro, 2020, Öl auf Leinwand, 232 × 163 cm (rechts), Ausstellungsansicht BASELITZ JETZT, © Museum der Moderne Salzburg, Foto: wildbild, Herbert Rohrer
Georg Baselitz, Spanisch Winter, 2020, Öl auf Leinwand, 273 × 173 cm (links), X-ray Still, 2020, Öl auf Leinwand, 250 × 170 cm (rechts), Ausstellungsansicht BASELITZ JETZT, © Museum der Moderne Salzburg, Foto: wildbild, Herbert Rohrer
Geblieben ist ein Werk, das sich jeder Eindeutigkeit entzieht – und gerade darin seine Aktualität behauptet.
Der zweite Teil der Salzburger Präsentation – die im Juli eröffnet wird – schlägt den Bogen zurück zu den Anfängen. Frühwerk und Spätwerk treten dann einander gegenüber und zeigen die ganze Bandbreite dieses kontinuierlichen Prozesses künstlerischer Selbstbefragung.
Georg Baselitz hat einmal gesagt, „er male gegen die Zeit“. Nun ist diese Zeit zu Ende gegangen. Geblieben ist ein Werk, das sich jeder Eindeutigkeit entzieht – und gerade darin seine anhaltende Aktualität behauptet. Georg Baselitz starb im April 2026 im Alter von 88 Jahren.
Georg Baselitz
23. Januar, 1938 – 30. April, 2026
BASELITZ JETZT
01.04.-18.10. 2026
Museum der Moderne, Salzburg