CARE MATTERS
Eine Ausstellung der SAMMLUNG VERBUND
ALBERTINA
26. Juni 2026,
Geschrieben von Birgit Vollmeier
Das Thema Sorge ist ebenso vielschichtig, wie der Begriff selbst. Eine durchdacht kurierte Ausstellung der Sammlung VERBUND rückt in der Titze Galerie der ALBERTINA mit rund 50 ausgewählten Werken internationaler Künstler:innen die gesellschaftspolitische Relevanz der Care- und Sorge-Arbeit ins Rampenlicht.
Akihito Yoshi, „The Absence of Two“, Ausstellungsansicht © YW/Portal Kunstgeschichte
Es macht einen großen Unterschied, ob man sich sorgt oder Sorge trägt. Sich zu sorgen spricht in erster Linie Gefühle an – unabhängig davon, ob die Sorge Privatem, wie etwa der eigenen Familie, gilt oder sie sich um ein globales Thema wie das Klima dreht. Sorge tragen wiederum ist als ausführende Tätigkeit und physische Arbeit zu sehen, die sowohl sinn- und identitätsstiftend als auch als Belastung und Anstrengung empfunden werden kann. Meist findet die für unser Zusammenleben so wichtige Care-Arbeit im Stillen oder Verborgenen statt und wird mehrheitlich von Frauen ausgeführt. Die von Gabriele Schor, Gründungsdirektorin der Sammlung VERBUND, kuratierte Ausstellung setzt die Care-Arbeit und alle damit verbundenen Tätigkeiten gekonnt in Szene und spannt dabei einen bemerkenswerten Bogen von der Feministischen Avantgarde der 1970er-Jahre bis hin zu kontemporären Positionen.
Nicht von ungefähr landet man gleich zu Beginn der Ausstellung in der Küche. Quasi im Herzstück weiblicher Fürsorge. An dieser Tatsache hat sich kaum etwas geändert und dennoch lässt sich ein künstlerischer Wandel in der Sichtweise erkennen. Noch in den 1970er-Jahren war es Frauen ohne die Einwilligung ihrer Ehemänner nicht erlaubt außerhalb des eigenen Haushalts zu arbeiten. Wie sehr gefangen Frau innerhalb der eigenen vier Wände war, verdeutlicht Birgit Jürgenssens Werk Hausfrauen-Kochschürze aus dem Jahr 1975, das den weiblichen Körper als Objekt der häuslichen Ordnung verortet. Sie hängt sich den Herd um den Hals und zeigt damit auf, wie groß die Last ist, die eine Hausfrau zu tragen hat. Wie sehr sich Frau davon emanzipiert hat, verdeutlichen unter anderem die zeitgenössischen Positionen von Lena Henke, die Küchengeräte isoliert als skulpturale Objekte präsentiert oder Nicole Wermers ebenfalls skulpturale Arrangements aus Geschirr.
CARE MATTERS beleuchtet ein aktuelles sozialpolitisches Thema, nämlich die Wertschätzung und Sichtbarkeit von Sorge- und Care-Arbeit in unserer Gesellschaft.
Michael Strugl
Birgit Jürgenssen Hausfrauen-Küchenschürze, 1975 39,3 x 27,5 cm, Schwarz-Weiss-Fotografie SAMMLUNG VERBUND, Wien und Galerie Hubert Winter © Estate Birgit Jürgenssen / Bildrecht, Wien 2026
Kelly O’Brien Cleaner Nr. 1, 2023 190 x 130 cm, Fotobanner auf Duchessesatin Courtesy SAMMLUNG VERBUND, Wien © Kelly O‘Brien
In den 1970er-Jahren tritt der weibliche Körper als Objekt häuslicher Ordnung auf. Die Hausfrau ist in ihrer Identitätspolitik im Kontext von Macht, Gender und Ökonomie gefangen. Die jüngere Künstlerinnengeneration rückt zwar Herd, Küchengeräte und Geschirr ins Blickfeld, die Hausfrau als Subjekt der Sorge- und Care-Arbeit, ist allerdings abwesend. Diese Abwesenheit verweist auf den Zeichencharakter zeitgenössischer Werke. Feministische Objektkultur wird zur Trägerin einer anderen sozialen Erfahrung.
Gabriele Schor
Es muss aber nicht die immer Frau des Hauses sein, die die Sorge trägt. Ein nicht minder interessantes und prekäres Thema ist die Care-Arbeit, die in andere Hände gelegt wird. Meist in jene von Frauen, die diese Tätigkeiten – bezahlt oder unbezahlt – völlig unsichtbar erledigen. Ein Abbild eines sozialen Gefüges, das von massiver Ungleichheit geprägt ist. Egal, ob diese auf einem kolonialen oder rassistischen Erbe beruht, auf Klassenunterschieden aufbaut oder sozial bedingt ist. Augenscheinlich wird dieses Ungleichgewicht besonders in den großformatigen Arbeiten der peruanischen Künstlerin Natalia Iguiñiz Boggio, die in ihrer Fotoserie La Otra die Herrinnen des Hauses mit ihren guten Geistern portraitiert. Mary Sibande und Lorna Simpson wiederum zeigen auf, welchen Stellenwert Hautfarbe oder Herkunft in dieser sozialen Schieflage spielen. Nicole Wermers setzt mit ihrer Skulptur Reclining Female #6 ein Statement der ganz anderen Art. Sie hebt die ausgelagerte Care-Arbeit in Form einer Reinigungsdame auf ein Podest, indem sie sie einer Diva gleich auf ihrem eigenen Hauswirtschaftswagen liegen lässt.
Ein großes Thema in der künstlerischen Auseinandersetzung stellt auch Elternschaft und das damit verbundene Sorge tragen dar. In welcher Form lässt sich Mutter oder Vater sein mit der künstlerischen Praxis vereinbaren, welche Ängste und Anstrengungen sind damit verbunden? Ein klares und deutliches Ja zur Vereinbarkeit setzt Hannah Cooke mit ihrem Werk Ada vs. Abramovic, indem sie Abramovics Performance The Artist is present aufgreift und sich mit ihrem Kind im Arm an den Tisch setzt. Verhandelt wird auf völlig konträre Weise auch die gesellschaftliche Erwartung der Mutterrolle als weibliches Ideal. Renate Bertelmann hat sich in den 1970er Jahren klar dagegen entschieden, während die Britin Hettie Judah ihr Manifest How Not to Exclude Artist Mothers (and other parents) all jenen widmet, die sich dafür entschieden haben.
Kirsten Justesen Lunch, 1975/2018 68 x 100 cm, Farbfotografie Courtesy SAMMLUNG VERBUND, Wien © Kirsten Justesen / Bildrecht, Wien 2026
Małgorzata Markiewicz Pinafores, 2002/2017 34 x 49 cm, Farbfotografie Courtesy SAMMLUNG VERBUND, Wien © Małgorzata Markiewicz
Besonders berührend fällt die Auseinandersetzung zum Thema Altenpflege innerhalb der Familie aus. Diese so wichtige Aufgabe bleibt in vielen Fällen privat und verborgen, da sie in den eigenen vier Wänden passiert. Zugleich verlangt sie von den Pflegenden oft über Jahre alles ab. Dieses Abhängigkeitsverhältnis bis hin zur Selbstaufgabe portraitiert der japanische Künstler Akihito Yoshida in seiner Serie The Absence of Two. Dabei begleitet er seinen Cousin, der die eigene Großmutter aufopferungsvoll pflegt – ein einprägsames Werk, das gleichwohl berührt als auch verstört. Gleichzeitig wird in diesem Raum aber auch der Begriff der Caring Communities als gemeinschaftliche Praxis aufgegriffen und damit ein Denkanstoß geliefert, ganz allgemein für andere da zu sein.
Der letzte Raum ist dem Thema Equal Care JETZT! gewidmet und damit bedauerlicher Weise noch immer brandaktuell. Auch heute wird die unbezahlte, private Care-Arbeit noch immer überwiegend von Frauen geleistet. Schon seit den 1970er Jahren zeigen Künstlerinnen diesen Missstand auf, kämpfen für Gleichberichtung und Anerkennung. Die Wut und das Unverständnis kommen sowohl als Ironie als auch Überhöhung zum Ausdruck, wie etwa in Marlene Harings Werk Heute bleibt die Küche kalt, wir gehen in den Wienerwald oder Christine Lederers Am liebsten trage ich ein Bügelbrett. So unterschiedlich die Positionen, Blickwinkel und Werke dieser Ausstellung auch sein mögen, eines macht sie klar: Es gibt noch wahnsinnig viel zu tun, was die Wertschätzung von Care-Arbeit betrifft!
Die einfache Sorge ist aller Dinge Anfang.
Albert Camus
Hannah Cooke Ada vs. Abramović, 2008 90 x 120 cm, Farbfotografie, kaschiert auf Aluminium Courtesy SAMMLUNG VERBUND, Wien © Hannah Cooke / Bildrecht, Wien 2026
Mary Sibande They don’t make them like they used to, 2008 104,5 x 69,5 cm, Farbfotografie Courtesy SAMMLUNG VERBUND, Wien © Mary Sibande
Natalia Iguiñiz Boggio Charo y Rosario (aus der Serie La Otra), 2001 180 x 120 cm, Farbfotografie Courtesy SAMMLUNG VERBUND, Wien © Natalia Iguiñiz Boggio
Die SAMMLUNG VERBUND wurde 2004 vom österreichischen Energieunternehmen VERBUND gegründet und umfasst über tausend Werke von rund zweihundert Künstler:innen.
Die Ausstellung wurde von Gabriele Schor, Gründungsdirektorin der SAMMLUNG VERBUND, kuratiert.
Teilnehmende Künstler:innen:
Renate Bertlmann, Elizabeth Catlett, Hannah Cooke, Sandra Eleta, VALIE EXPORT, Sophie Gogl, Marlene Haring, Lena Henke, Natalia Iguiñiz Boggio, Birgit Jürgenssen, Kirsten Justesen, Anna Kutera, Mierle Lademan Ukeles, Christine Lederer, Karin Mack, Malgorzata Markiewicz, Kelly O’Brien, Frida Orupabo, Letícia Parente, Margot Pilz, Maria Pinińska-Bereś, Margaret Raspé, Laura Ribero. Martha Rosler, Hansel Sato, Anno Schölß, Mary Sibande, Lorna Simpson, Annegret Soltau, Rosemarie Trockel, Nicole Wermers, Akihito Yoshida
Zur Ausstellung ist eine Publikation erschienen:
CARE MATTERS
Kunst aus der SAMMLUNG VERBUND, Wien
Herausgeber:in: Gabriele Schor
Deutscher Kunstverlag
208 Seiten, 200 Abbildungen
19 x 25 cm
ISBN: 978-3-422-80392-3
€ 40,00