Ala Roushan and Charles Stankievech

„A Shroud Woven of Solar Threads“

Halle am Berghain, Berlin


08. Okt. 2026,
Geschrieben von

Von einem 3000 Jahre alten Mithra-Kult bis zum Solar Geoengineering: Ala Roushan und Charles Stankievech verweben in der Halle am Berghain Archäologie, KI und Klimaforschung zu einer spekulativen Zeitreise und fragen, welche Zukunft sich aus den Fragmenten der Vergangenheit entwerfen lässt.

Ala Roushan and Charles Stankievech. A Shroud Woven of Solar Threads. 2026. Installation view, Halle am Berghain. Courtesy of HOUSE in partnership with Autotelic Foundation. Photo: Noshe.


„Die dunkle Höhle der Halle am Berghain wird zu größten Teilen durch die zu- und abnehmende Helligkeit der Videoinstallation illuminiert.“

„The sun had drained the landscape of all color, leaving behind a geometric world of black and white, a static blueprint of a forgotten earth.“ – In J. G. Ballards dystopischer Erzählung The Burning World (1964; Neuausgabe 1965 unter dem Titel The Drought) verliert die Charakterisierung der Sonne ihre Wärme als lebensspendende Kraft und wird durch ein erzählerisches Farbspektrum gleißender Bedrohung ersetzt. Seine Protagonist*innen sind keine Held*innen, die den Erschütterungen jener planetaren Verhältnisse, die wir heute mit Begriffen wie Anthropozän zu beschreiben gelernt haben, irgendetwas entgegenzusetzen hätten. Sie sind den Katastrophen einer erhitzten Erde ausgeliefert, ringen mit einer kaum mehr möglichen Adaption an eine extreme Realität zwischen Verzweiflung und improvisierten Überlebensstrategien.

60 Jahre später haben uns die Folgen eines anthropogener Klimawandels eingeholt. Climate Fiction, zu dessen Pionieren Ballard zählt, ist derweil ein weit verbreitetes Genre in Literatur, Film, Bildender Kunst. Seine Popularität ist Zeugnis der Versuche, Klimakatastrophen – die sich in ihren Erschütterungen erst anzukünden begonnen haben – verstehbar und mögliche Zukünfte in unterschiedlichen Intensitäten von Wahrscheinlichkeit denkbar zu machen. In ihrer Ausstellung in der Halle am Berghain in Berlin spannen die kanadischen Künstler*innen Ala Roushan und Charles Stankievech ihre „Solar Threads“ als Erzählstränge auf, die sich aus einer 3000 Jahren alten Vergangenheit heraus eine Gegenwart realisieren, die zukünftige Narrative zu generieren in der Lage ist. Ob wir nun den „Shroud“, den diese Stränge weben, mit den Worten „Totentuch“ oder „Schleier“ übersetzen, hängt vielleicht von der Lesart der Ausstellung und ihrer entworfenen Narrative ab.

„A Shroud Woven of Solar Threads“ versammelt Artefakte der künstlerischen Forschung Roushans und Stankievechs. Sie vereint der Versuch, Objekte und räumliche Formationen aus der Vergangenheit nicht schlicht zu reproduzieren, sondern sie als Möglichkeiten oder Modelle in die Zukunft zu entwerfen; mit „what does it mean to remodel things from the past?“ formuliert Stankievech Forschungsfrage und methodologische Haltung zugleich. Im immersiven Zentrum der Ausstellung steht das Ergebnis einer Feldforschung der beiden Künstler*innen im Nordwesten Irans, zu den Praktiken des prä-persischen Mithra-Kults in der Region des heutigen Irans und Indiens, über tausend Jahre vor der Zeit des römischen Mithraisums: die eindrucksvoll körperliche Videoinstallation einer Simulation eines Höhlensystems – Roushan und Stankievech bezeichnen sie explizit nicht als Rekonstruktion – der als unterirdischer Tempel des über 3000 Jahre alten sonnenverehrenden Kultes diente. In Zusammenarbeit mit einem iranischen 3D-Scan-Teams sowie Bewohner*innen der anliegenden Ortschaft, die sich um den Erhalt des Temples bemühen (staatliche Stellen dulden zwar die Pflege des „heidnischen“ Ortes, eine koordiniere archäologische Konservierung findet aber laut der Künstler*innen nicht statt) wurde ein 3D-Modell angefertigt, das einen Gang durch das Höhlensystem simuliert.

Die Körperlichkeit dieser simulierten quasi-archäologischen Investigation wird durch räumlichen Multikanal-Klang simuliert, deren ergreifende Tieffrequenzen durch eine Tonspur ergänzt wird, die Beschwörungsformeln erklingen lässt. In weiblich Stimmen wird hier eine Sprache zum Leben (wieder)erweckt, die selbst ein Modell ist: Aus späteren Sprachüberlieferungen haben Roushan und Stankievech in Zusammenarbeit mit Ángel Andrés-Toledo, Professor für zoroastrische Sprachen und Literaturen an der Universität Toronto, eine spekulative prä-indoiranische Sprache samt Phonetik simuliert und mit ihr ein Large Language Model trainiert, das über einen KI-Sprachgenerator den möglichen Klang und Impetus der antiken Rituale in die Gegenwart entwirft. Mit solchen Beschwörungen wurde womöglich versucht, die Sonnengöttin und andere Gestirne in einen kosmischen Einklang zu bringen, beispielsweise um Dürreperioden zu beenden.

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Ala Roushan and Charles Stankievech. Altar (Are Objects Halted Time?). 2026. Halle am Berghain. Courtesy of HOUSE in partnership with Autotelic Foundation. Photo: Noshe.

Wir erleben hier die Simulation einer Aushandlung von jenen Lebensbedingungen auf der Erde, die von der Einwirkung der Sonne maßgeblich bestimmt werden. Als solche Solar Threads webt die Ausstellung ihre Erzählstränge über Tausende von Jahren aus der heutigen Gegenwart weiter in mögliche Zukünfte, in denen die Aushandlungen mit der Sonne die Form eines planetaren Techno-Solutionismus (eine reduktionistische Vorstellung von der Lösung komplexer Probleme allein durch technologischen Erfindungsreichtum) annehmen: Geoengineering.

Einst auf die künstlichen Realitäten von Science-Fiction-Erzählungen beschränkt, rücken solche technischen Lösungen planetarer Klimaerwärmung immer stärker nicht nur in den Bereich des real Möglichen, sondern, so konstatieren manche Klimaforscher*innen, des Notwendigen, wenn wir auch nur annähernd das als äußerst optimistisch angesehene Ziel des Pariser Klimaabkommens, die Erderwärmung bei unter zwei Grad Celsius gegenüber der vorindustriellen Zeit zu halten, erreichen wollen. Sollten die internationalen Klimaschutzbemühungen ihren Kreislauf aus Kompromissen und Revisionen beibehalten und einschneidende Policy-Maßnahmen zur Klimasenkung zu spät kommen, so werden wir bald einen Punkt erreichen, wie die Science-and-Technologie-Forscherin Holly Buck es in einem ernüchternden Ausblick formuliert, „where it becomes ‚necessary‘ to consider the future we didn’t want: solar geoengineering“.

Die am weitest verbreitete Vorstellung solch einer sich auf die Einwirkung der Sonne beziehenden Form von Geoengineering würde darin bestehen, mit einer riesigen Flotte von Flugzeugen Aerosolpartikel in der Stratosphäre zu versprühen, die einen Teil der Sonnenstrahlen reflektieren und die Atmosphäre so abkühlen. Ein Vorgang, der allerdings stets wiederholt – und bei fehlenden begleitenden Maßnahmen in Richtung „Net Zero“-CO2-Ausstoß stets ausgeweitet werden müsste – um einen katastrophal sprunghaften Anstoß planetarer Temperaturen zu vermeiden, sobald die Aerosole wieder zu Boden sinken. Die Pulitzer-Preisträgerin und Klima-Journalistin Elizabeth Kolbert hat in ihrem Buch mit dem bezeichnenden Titel Under a White Sky eindrucksvoll nicht nur die offensichtlichen Risiken einer solcher Form des Techno-Solutionismus beschrieben – Risiken, die vielleicht in naher Zukunft in Angesicht noch höherer Risiken einer allgemeinen Erderwärmung in Kauf genommen werden – sondern auch die unmittelbaren Auswirkungen auf die Wahrnehmung der Welt, wie wir sie kennen: Ein auf diese Art mit Aerosolen verschleierter Himmel würde (mit unterschiedlicher Intensität auf unterschiedlichen Teilen der Erde) seine blaue Farbe verlieren und weiß erscheinen – „drained of all color”, wie Ballard es formulierte. Die Videoinstallation der Mithratempel-Simulation stellt diesen narrativen Zeitsprung her, wenn die grafische Schwarz-Weiß-Repräsentation des Computermodells in weiße Punktewolken zerfällt, die sich dann in einen weiß strahlenden Bildschirm auflösen, um schließlich die Repräsentation eines von Sonneneruptionen umtobten Sterns anzunehmen. Das Video, und unsere Jahrtausende umspannende Zeitreise, beginnt dann von Neuem und wir finden uns im Dunkeln der Höhle wieder.


Ala Roushan and Charles Stankievech. Sūryasya Śántau (Within the Solar Silence). 2026. Halle am Berghain. Courtesy of HOUSE in partnership with Autotelic Foundation. Photo: Noshe.

Ala Roushan and Charles Stankievech. Photo: Noshe.

Wir erleben hier die Simulation einer Aushandlung von jenen Lebensbedingungen auf der Erde, die von der Einwirkung der Sonne maßgeblich bestimmt werden.

Die im Dunklen der Halle am Berghain installierte Ausstellung steht in eindrucksvoller Wechselwirkung mit der massiven Industriearchitektur des ehemaligen Heizkraftwerks. Die Simulation der Felswände des Höhlentempels fließt fast nahtlos in die vernarbten Wände aus rohem Beton. Juliet Kothe (HOUSE, Berlin), zusammen mit Nadim Samman (Autotelic Foundation, London) Kurator*in der Ausstellung, beschreibt dieses „engagement with architecture“ als einen künstlerischen Dialog mit der Halle am Berghain. In diesem „new layer of time reconstructed“ verschränke sich die Zeitlichkeit des historischen Gebäudes mit der tiefenzeitlichen künstlerischen Investigation sowohl visuell als auch konzeptuell. Die dunkle Höhle der Halle am Berghain wird zu größten Teilen durch die zu- und abnehmende Helligkeit der Videoinstallation illuminiert; aber auch durch schwache Lichtkegel, welche die skulpturalen Elemente der Ausstellung lokalisieren.

Wie Roushan es formuliert zeigen diese Faksimiles und Modelle (keine Rekonstruktionen) von archäologischen Fundstücken aus der Zeit des Mithra-Kults: figurative Darstellungen des Sonnegöttinnen-Eponyms aus unterschiedlichen, aktualisierten Materialien; einen massiven Altar aus einem Obsidian-artigen Stein, der eigens für die Ausstellung aus dem Iranischen Hochland geborgen, in Armenien bearbeitet und auf dem (glücklicherweise) verstärkten Betonboden der Halle am Berghain transportiert wurde; diverse rituelle Musikinstrumente – Glocken und Rasseln – die Stankievech auf Basis von 3D-Scans von Exponaten des Metropolitan Museum of Art in New York anfertigen konnte. Mit den im Maßstab vergrößerten Faksimiles ist es nun wieder möglich, die spekulativen Klänge dieser Instrumente wieder zum Leben zu erwecken – eine materiell-ästhetische performative Praxis, die aus konservatorischen Gründen mit den Originalen nicht möglich ist. Am 14. Oktober werden die Künstler*innen mit der Live-Performance „A Shadow Takes No Room in Space“ das bislang verschollene antike Klangerlebnis mit den Besucher*innen der Ausstellung teilen.

„A Shroud Woven of Solar Threads“ spannt einen spekulativen Raum von einer archäologischen Vergangenheit bis zu einer möglichen Zukunft auf; beide Zeitvektoren bleiben dabei auf ihre Art (ästhetisch, wissenschaftlich, narrativ) spekulativ. In einer entwerfenden Geste, welche der Berliner Medienforscher Siegfried Zielinski als „prospektive Archäologie“ bezeichnet hat, vermeidet die Ausstellung große historisierend-romantische Utopie-Entwürfe im Sinne eines (unmöglichen) Wegs zurück in eine irgendwie geartete bessere Vergangenheit. Stattdessen kartografiert sie mögliche Zukünfte in Form von Simulationen aktualisierter Vergangenheiten – in einer spekulativen prospektiven archäologischen Praxis, wie sie Roushan als ein „gathering of the minimal fragments of a time that remains quite unknown“ beschreibt.

Die Ausstellung webt ihre Erzählstränge über Tausende von Jahren aus der heutigen Gegenwart weiter in mögliche Zukünfte.


Ala Roushans and Charles Stankievechs

„A Shroud Woven of Solar Threads“ in der Halle am Berghain in Berlin

Links:
www.berghain.berlin/de/program/halle/

www.house.berlin

autotelic-foundation.org

Commentary of Ala Roushan to a glossary written by Daniel Irrgang and Ulrik Ekman at the University of Copenhagen