Die Abendschule der Städelschule. Ein Beispiel nichtelitärer künstlerischer Praxis
Seit nun mehr als sechzig Jahren finden kunstschaffende Laien in der Abendschule der Städelschule die Möglichkeit, Kurse in Malen, Zeichnen, Druckgrafik, Bildhauerei und Kunstgeschichte ohne vorherige Aufnahmeprüfung zu belegen.
Dabei ist die ästhetische und künstlerische Erziehung von Laien in Frankfurt sehr wohl geschichtsträchtig. Bereits mit der Gründung des Städelschen Kunstinstituts im Jahre 1816 sollte, entsprechend den Vorgaben Johann Friedrich Städels, jedem künstlerisch Begabten, ohne Unterschied des Geschlechts und der Religion, ein Kunststudium ermöglicht werden. Diesen Grundsätzen folgend, entsprach die Gründung der Abendschule im Jahre 1947 nach dem Ende der nationalsozialistischen Diktatur einem freiheitlichen und demokratischen Gedanken, der das kulturelle Spektrum Frankfurts bereichern und zu neuer Blüte führen sollte.
Die aktuelle Ausstellung der 1822-Stiftung der Frankfurter Sparkasse widmet sich erstmals umfassend der Geschichte der Frankfurter Städelabendschule. Es wird ein Bogen von den Anfängen der Städelabendschule bis heute gespannt und dabei etwa 80 Gemälde, Zeichnungen, Druckgrafiken und Skulpturen von Schülern und Lehrern gezeigt. Dem Besucher wird nicht nur ein vielseitiges und interessantes Spektrum an künstlerischen Arbeiten präsentiert, er gewinnt zudem einen kleinen Einblick in ein bedeutendes Stück Frankfurter Kulturgeschichte.
Bei der Gründung der Städelschen Abendschule vor 61 Jahren war sie zunächst als Vorkurs für ein Kunststudium gedacht. Mit der zunehmenden Abwendung der Kunsthochschulen von grundlegenden Mal- und Zeichenkursen schien eine solche Einrichtung sehr sinnvoll. Mit der Zeit entwickelten sich drei wesentliche Funktionen der Abendschule: Zum einen als Vorbereitung für ein Studium an einer Kunsthochschule; zweitens als künstlerische Betätigung im Rahmen einer außeruniversitären Bildung; und drittens dient sie jenen, denen der Zugang zur Hochschule verwehrt geblieben ist, als Ersatz für ein Kunststudium. Dabei grenzt sich die Abendschule von diversen Volkshochschulkursen und Malzirkeln durch ihr klar strukturiertes und qualitativ hochwertiges Programm ab. Im Vordergrund steht dabei die Vermittlung grundlegender Techniken und kunsthistorischer Kenntnisse, die im akademischen Lehrbetrieb der Hochschule weitgehend in den Hintergrund getreten sind. Ziel der Abendschule ist es heute, aufbauend auf einer Schulung des Sehens kunstinteressierte Menschen bei der Entwicklung einer individuellen künstlerischen Haltung zu leiten und zu fördern.
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Mit Theo Grave (1947-1956) und Walter Hagenhahn (1956-1972) wurde die Abendschule in den ersten Jahrzehnten von ehemaligen Schülern Max Beckmanns geleitet. Ihnen folgten die renommierten Künstler Karl Bohrmann (1972-1980), Peter Engel (1980-1985), Bernhard Jäger (1985-2000) und Nicole Van den Plas (2000-2007). Seit dem Jahr 2007 liegt die Leitung der Abendschule in den Händen von Vroni Schwegler, die bei Hermann Nitsch an der Städelschule studiert hatte.
In der Galerie im ersten Stock der 1822-Stiftung der Frankfurter Sparkasse, erhoben über dem geschäftigen Treiben der Schalterhalle, lädt die Städelabendschule zu einer Zeitreise durch sechs Jahrzehnte künstlerischen Schaffens ein. Dabei werden in einer anspruchsvollen Zusammenstellung Arbeiten in unterschiedlichen künstlerischen Techniken vorgestellt. Zu sehen sind Gemälde von Theo Garve, Peter Engel und Vroni Schwegler, Zeichnungen von Walter Hergenhahn, Karl Bohrmann, Christoph Borowiak und Nicole Van den Plas sowie Plastiken von Ann Reder und Reinhard Kohler neben den Arbeiten ihrer ehemaligen Schüler Peter Loewy, Max Pauer, Chris Kohlhöfer, Tom Przondzion, Nora Schultz u.v.a. Wie auf einer Perlenschnur reihen sich die chronologisch gehängten Arbeiten der Studenten und ihrer Lehrer aneinander. Eröffnet wird dieser Reigen mit einer Reihe historischer Fotoaufnahmen, die die besondere Atmosphäre der Lehrveranstaltungen an der Abendschule eindrucksvoll dokumentieren.
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Beim Betrachten der Arbeiten wird vor allem die Freude der Studenten am künstlerischen Arbeiten deutlich. Die eher kleinformatigen Kunstwerke zeugen sowohl von einer hohen künstlerischen Qualität als auch, und das macht den Besuch der Ausstellung so erbaulich, von einer Freiheit und Vielfalt bei der Motivwahl und deren künstlerischer Umsetzung. Zum Teil ist beim Betrachten eine Leichtigkeit und Freude zu spüren, die zeigt, mit welcher Unvoreingenommenheit die Abendschüler sich den Themen ihrer Kunstwerke und den künstlerischen Techniken genähert haben, da sie doch in ihrem Arbeiten frei vom zwanghaften Negieren der gegenständlichen Darstellung und frei von jeglicher Konkurrenzangst und Marktpositionierung sein konnten.
Weitere Informationen
Bis zum 23. Januar 2009 besteht noch die Möglichkeit, die Ausstellung im Kundenzentrum der Frankfurter Sparkasse zu sehen.
Begleitend zur Ausstellung erscheint ein Katalog mit Beiträgen von Viola Hildebrand-Schat (Kunstgeschichtliches Institut der Goethe-Universität Frankfurt), Alexander B. Eiling (Kurator am Wilhelm-Hack-Museum, Ludwigshafen) und Vroni Schwegler (Leiterin der Abendschule).
Am 22. Januar 2009 findet um 17 Uhr eine Führung durch die Ausstellung statt.