FOTOGRAFIE UND DAS UNSICHTBARE – 1840–1900. Albertina, Wien, bis 24. Mai 2009

Zunächst realisiert man hier, dass im 19. Jahrhundert nicht nur der Fotoapparat im Einsatz war, sondern auch der ganze technische Apparat vom Mikroskop über das Teleskop bis hin zum Röntgengerät. So muss man wohl auch im Hinblick auf die Kunstgeschichte einige Koordinaten zurechtrücken: Für gewöhnlich gilt die klassische Moderne als die Zeit, in der die Künstler ihren kompositionellen Horizont ins unendlich Kleine und ins unsagbare Große verschoben, was vor allem in der Abstraktion manche Blüten trieb. Bekannt sind die Einflüsse etwa der Bewegungssequenzen des Fotografen Muybridge auf die Kunst – erst im letzten Drittel des 19. Jahrhunderts lernten so die Pferde auf Gemälden richtig zu laufen –, doch dürften Mikrofotografien oder die Sichtbarmachung von Elektrizität und Magnetismus sowie die sogenannte Geisterfotografie (fluidische oder Strahlungs-Phänomene usw.) ihre Wirkung auf den Symbolismus gehabt haben.

Und selbst da, wo die Öffentlichkeit von den technischen Möglichkeiten nichts erfuhr, hat die Begeisterung der Wissenschaftler, Unsichtbares abzubilden – vom beruflichen Nutzen abgesehen – auch selbst schon künstlerische Qualität: Ohne experimentellen Geist hätte diese Fotografie kaum eine solche Entwicklung genommen. Die Mikroaufnahmen von Kieselalgen oder von kristallinen Schneeflocken sind um 1900 so eindringlich, wie sie es heute sind – in dieser Hinsicht scheint der Entwicklungsgang im 20. Jahrhundert eher langsam gewesen zu sein. Und die Fotografie einer Sonnenfinsternis um 1850 ist von heute aus betrachtet schon eine Sensation. So gehen auch eine Röntgenaufnahme eines Rochens mit wissenschaftlichem Anspruch oder ein Röntgenbild zweier Langusten auf dem Teller neben Messer und Gabel mit eher geselligem Anspruch als Beispiele durch, bei denen die Wissenschaftler zu Künstlern werden. Da ist es fast schade, dass sich im eigentlichen Künstlerumfeld mehr Karikaturisten der Themen annahmen als die vielen Maler, die oftmals verschämt die Fotos ihrer Modelle im Schrank verschlossen, um nicht als »Abmaler« denunziert zu werden.

Rund 200 Fotografien sind zu sehen, die zum Teil dennoch (Kunst-)Geschichte geschrieben haben: Neben Aufnahmen von Eadweard Muybridge zeigt die Ausstellung Fotos von Henry Fox Talbot und anderen mehr. Dass am Ende des Zeitraums, der das Medium der Fotografie als Kunst noch kaum wahrnimmt, die Interferenzfarbfotografie steht, wundert einen nach dem Besuch der Ausstellung nicht mehr.

Für diejenigen, die es auf den letzten Moment hin nicht nach Wien schaffen, sei der bilderreiche Katalog empfohlen, der sogar den sinnlichen Genuss erhöht, weil man die grandiosen Aufnahmen bei Tageslicht und nicht im konservatorisch bedingt abgedunkelten Museum betrachten darf. Die Beiträge von Corey Keller, Tom Gunning, Jennifer Tucker und Maren Gröning erschließen die unsichtbaren Welten. Die Bildtafeln folgen in sechs Abschnitten geordnet, jeder Abschnitt begleitet von einem Text, der wichtige Neuerer der Zeit vorstellt und die Prozesse beschreibt, die sie zum Herstellen ihrer Bilder anwandten.
 

Geschrieben von Sebastian Strenger