Frischzelle_11: Nasan Tur. Kunstmuseum Stuttgart, bis 13. Dezember 2009

So hat Nasan Tur rund hundert Schriftzeichen und Sprüche, Parolen und Pointen, die er in Stuttgart real vorgefunden hat, auf die meterhohe Museumswand in ausschließlich roter Farbe übertragen und mit dem forschen Titel »Stuttgart says« versehen. Doch wer glaubt, da würde ein Graffiti-Freak im Musenhain wildern, hat die Rechnung ohne den hintergründigen Entertainer gemacht, der Nasan Tur ja irgendwie auch ist. Vielmehr entsteht ein monochromes Bild von ungeheurer Strahlkraft, das an den Rändern skriptural ausfranst – die Spraydosen liegen als Relikte des hundertfach übermalten Subtextes auf dem Boden vor dem Kunstwerk. Und dieses entpuppt sich im Museum als schickes Skandalon: Dort, wo für gewöhnlich Bilder ihren Platz allmählich erobert haben und immer wieder neu behaupten müssen, wirft Tur sein Opus an die Wand, die wohl dauerhaft steht. Im Gegensatz zur Kunst, die mit Ausstellungsende auch ihr Zeitliches segnen wird – auf Umwegen holt sie die Verwandtschaft mit der Straßenkunst wieder ein. Ein Tribut an den Kunstbetrieb ist ein Buch mit allen Textfunden, fein säuberlich Seite für Seite aneinandergefädelt.

In einem anderen Projekt hat Nasan Tur eine Handvoll Artefakte gegossen und vergoldet, um sie in der Stadt regelrecht auszusetzen. Mit dem Fokus einer versteckten Kamera hat er festgehalten, wie Passanten sich dieser Kleinplastiken bemächtigen. Die entstandenen Lauervideos sind dann im Museum zu bewundern. Souverän spielt der Künstler mit der Werthaltigkeit von Kunst: Sind die in den Wind geschriebenen Eintagswerke mehr oder weniger wert als die gussidentischen Exemplare, die auf noblen Sockeln in einem kabinettgroßen Separee des Museums auf Besucher warten? Für kurze Zeit setzt Tur die Gesetze des Kunstmarktes außer Kraft und verlängert den öffentlichen Raum in den Schauraum hinein, wie er den Ausstellungsraum nach draußen ausdehnt.

Geschrieben von Sebastian Strenger