Golden Marilyn

Marilyn Monroe und die Kamera


29. Juni 2026,
Geschrieben von Melanie Obraz

Am 1. Juni 2026 wäre die Hollywood-Ikone Marilyn Monroe 100 Jahr alt geworden. Nicht zuletzt aus diesem Grunde widmet ihr der Verlag Schirmer/Mosel eine spezielle Ausgabe: „Golden Marilyn – Marilyn Monroe und die Kamera als goldene Jubiläumsausgabe.“ Schon der Schutzumschlag zeigt uns Marilyn in einem edlen Goldton mit einer ihrer bekanntesten Porträtaufnahmen. Eine Rezension von Melanie Obraz.

Photo John Florea, 1953

Marilyn steht für das Narrativ des Sexsymbols schlechthin. Sie setzte ganz und gar auf dieses Image und kombinierte es mit ihrer Schauspielkunst.

Es gibt schon sehr viele Bücher und Bildbände über Marilyn Monroe (1926-1962) – eigentlich eine unübersehbare Menge. Dass es eine Ausgabe des Buches über Marilyn Monroe im Jahr 2026 geben muss, die mit Golden Marilyn betitelt ist, darf fast schon als eine Selbstverständlichkeit gelten, stand ihre (Kunst)-Person doch für etwas Glänzendes, Erotisches, welches so auch dem metallisches Glanz des Goldes nachgesagt wird. Doch als Mensch wird man ihr damit wohl nie so ganz gerecht.

Dass Marilyn Monroe von überaus reizvoller Attraktivität war, ist ein Faktum. Doch immer wieder wird die Frage nach dem Besonderen und der hinter der geschminkten und inszenierten Fassade stehenden Frau gestellt.  „Golden Marilyn“ stellt diese Frage erneut und beschert einen nicht nur glänzend goldenen Eindruck, sondern viel mehr. Hauptsächlich aber bleibt Marilyn die Monroe, die Blonde. Doch Marilyn war nicht von Natur blond und in dieser Hinsicht befand sie sich übrigens in bester Gesellschaft, waren doch auch Jean Harlow wie auch Lana Turner nicht „von Natur“ hellblond, wie z.B. auch ihre weltbekannten französischen Kolleginnen Brigitte Bardot und Catherine Deneuve. Das sehr helle blond, teilweise sogar als Babyblond bezeichnet, sollte Marilyns Hollywood-Persönlichkeit wirkungsvoll unterstreichen und war eines ihrer Markenzeichen.

Um der Marilyn als Mensch näher zu kommen, setzt der Bildband auf das Vorwort der brünetten Hollywood-Ikone Jane Russell (1921-2011) und auf das Interview mit George Belmont (1909-2008) – in deutscher und englischer Sprache abgedruckt. Wie gelingt es nun, diesem Buch von Schirmer/Mosel, einen tieferen Blick auf die „wahre“ Marilyn zu werfen. Auf jeden Fall ist es die Bildauswahl, die Marilyn von ihrer Kindheit, ihrer Jugend bis zum Mega-Star begleitet und hier auch einige Porträtfotos herausstellt, die sie als unglücklich wirkende Person zeigen. Dennoch spielt auch in diesem Buch der Glamour die Hauptrolle, denn Marilyn verkörperte als Aktrice eben die laszive attraktive Blondine der 50er Jahre. Ihr Make-up und die Fotos der berühmtesten Fotografen sprechen hier eine bedeutende Sprache. Marilyn steht für das Narrativ des Sexsymbols schlechthin. Sie setzte ganz und gar auf dieses Image und kombinierte es mit ihrer Schauspielkunst.

Marilyn 1955, Photo Weegee

Marilyn im Goldlamé-Kleid Gentlemen Prefer Blondes, 1953


Publicity Shot für Love Happy, 1948

Bemerkenswert in diesem Bildband ist, dass Marilyns vielbeachtetes Sexappeal in allen Fotos durchschimmert, ganz gleich welche Pose sie wählt. Selbst ihre eher zerbrechlich anmutenden Fotos, weisen diese Tendenz noch auf. So auch einige Modeaufnahmen, wie das Foto, das Bert Stern für die Vogue machte. Marilyn posiert in einem schwarzen Kleid, die Haare zurückgesteckt und ihr Gesicht teilweise in ihrer Hand verbergend. Hier bezeugt sie sich als nachdenkliche und in sich gekehrte wie auch in sich ruhende Persönlichkeit. Dabei besticht sie sogar durch eine unübersehbare Optik. Doch baut auch dieses Foto auf ihrem (Sex)-Appeal.

Ihr schauspielerisches Können war zweifelsohne mit ihrer Pose verbunden. Nur äußerst selten sieht man vielleicht die sogenannte andere Marilyn, die auf Norma Jean Baker 1926 getauft wurde. (Baker war der Nachname des ersten Ehemannes ihrer Mutter Gladys) Doch war ihre Mutter Gladys 1926 mit Martin Edward Mortenson verheiratet  und so soll dieser Name auch auf ihrer Geburtsurkunde verzeichnet sein. Ganz in diesem Sinne nimmt der Bildband auch auf ihre problematische und einsame Kindheit Bezug.

Aber Marilyn war eine bewusste Kreation der Fotografen und der Hollywood Film-Industrie. Dies macht das Vorwort der Hollywood-Diva Jane Russell deutlich, wie ebenso das Interview mit Georges Belmont. Ihre nicht minder berühmte Filmkollegin Jane Russell lenkt dabei den Blick auf die unsichere und verletzbare Marilyn, die eigentlich psychisch eher instabil zu sein schien. Vor allem aber verdeutlicht das Vorwort, dass Jane Russell ihrer Kollegin in Sympathie zugetan war.

Auch spricht Marilyn höchstselbst über ihre verletzte Seele und Unsicherheit in dem Interview (1960) mit Georges Belmont, indem sie bereitwillig über ihre schmerzlichen Erfahrungen im Waisenhaus Auskunft gibt und über die Gründe ihrer ersten Heirat. Zudem hatte sie in elf verschiedenen Familien gelebt und wenig Verständnis und Mitgefühl erfahren. Nur Grace McKee, eine Freundin ihrer Mutter empfand sie als wunderbar. Im Heim hatte man Marilyn die Maus genannt, weil sie wenig mit anderen Kindern sprach und sich gern in ihre Fantasiewelt flüchtete.

Bereits als Jugendliche arbeitete sie als Fotomodell und wollte unbedingt Schauspielerin werden. Die Zeit war für sie schwierig und sie war in finanzielle Not geraten und so kam ihr das Angebot als Modell in einem Kalender zu posieren sehr recht. Marilyn spricht von dem sog. „berühmten Kalender“. So entstand das legendäre Aktfoto. Marilyn auf rotem Samt, von Hollywood-Fotograf Tom Kelley 1949 aufgenommen. (Foto S.47) „Sie breiteten roten Samt aus, und es ging ganz schnell, ganz einfach, und ich konnte meine Miete bezahlen und mir zu essen kaufen.“ Allerdings war Marilyn überaus wissbegierig und strebsam. Sie wollte ihren Schulabschluss nachholen und ging sogar in Los Angeles zur Uni. Auf ihre Dozentin wirkt sie wie ein Mädchen, „das frisch aus der Klosterschule kommt“. Marilyn empfand diesen Ausspruch als Kompliment, wollten doch die meisten Leute in ihr lediglich ein Starlet sehen, „frivol, sexy und dumm.“ So Marilyn im Interview mit Georges Belmont.

Auch spricht Marilyn höchstselbst über ihre verletzte Seele und Unsicherheit in dem Interview (1960) mit Georges Belmont, indem sie bereitwillig über ihre schmerzlichen Erfahrungen im Waisenhaus Auskunft gibt und über die Gründe ihrer ersten Heirat.

Richard Avedon, Publicity Still für The Prince and the Showgirl, 1957

Am Set von Let’s Make Love, 1960 Photo Bob Willoughby

Ihren Intellekt und ihre Begabung schätzte aber vor allem ihr Ehemann Arthur Miller. „Ich werde nie vergessen, wie er damals gesagt hat, seiner Meinung nach, sollte ich Theater spielen, und wie die Leute, die im Studio um uns herumstanden, gelacht haben, als sie das hörten. Aber er wiederholte: „Nein, nein, ich meine es ernst.“ „And the way he said that, I could see he was a sensitive human being and treated me as a sensitive person, too. It’s difficult to describe, but it`s the most important thing.“ Aber auch die Sicherheit, die sie in dieser Ehe fand, konnte ihre wohl schon sehr verletzte Seele nicht heilen. Daher gibt auch dieses berühmte Interview keinen wahren Einblick in das Seelenleben der Hollywood-Ikone. Marilyns Affären und der unerfüllte Kinderwunsch wie auch ihre Unzulänglichkeiten allgemein, werden hier nicht thematisiert. Marilyn zeigt sich auch hier unterschwellig als Ikone und wird ihrer Rolle als Marilyn Monroe gerecht.

Dieses Dilemma zeigt auch der Bildband Golden Marilyn überdeutlich. Sie wird als Ikone aufgebaut und kann und darf sich nicht jenem Schema entziehen. (Marilyn als Vamp, Foto von Frank Povolny 1953. S. 70) Ganz gleich wie sehr sie es versucht hat oder vermeintlich versucht hat. Darin bestand auch ihre Tragik. Sozialisiert in den 30er und 40er Jahren, konnte sie im Amerika der 50er Jahre kein Mensch sein, der eine kranke und schon fast zerfetzte Seele offenbarte. Hollywood und das Publikum wollte so was nicht sehen und deshalb spielte sie erfolgreich weiterhin die Person, die man aus ihr gemacht hatte. So erschien sie stets im Look jenes auffallend attraktiven blonden Frauentyps, der sozusagen als Tüpfelchen auf dem i und Kirsche auf der Hollywood-Torte anzusehen war. All dies dokumentiert auch der Bildband.

Da sind die Fotos aus ihren berühmten Filmen, „Blondinen bevorzugt“ (1953), „Niagara“ (1953), „River of no return“ (1954), „Das verflixte siebte Jahr“, (1955) , „Misfits – nicht gesellschaftsfähig“ (1961), um nur einige zu nennen. Andererseits zeigt das Buch von Schirmer/Mosel viele Schnappschüsse, die Marilyn auf Partys, als Mode-Ikone und auch ganz privat zeigen. Bekannte und weniger bekannte Fotos ergeben hier eine Einheit, die uns Marilyn in unterschiedlichen Facetten anbieten.

Pointiert serviert uns das Buch auf den letzte Fotoseiten dann die Todesnachricht am Gebäude der New York Times.  (S.232-233 Times Square in der Dunkelheit, vorbeiströmende Menschen) Die Leuchtschrift übermittelt die traurige Nachricht…“found dead in bed – suicide suspect“. So hell die ersten Fotoseiten des Buches sind, so dunkel enden die letzten Seiten dieses vielsagenden Bildbandes. Menschen sind unter der Leuchtschrift sichtbar, es scheint, als gingen sie teilnahmslos im Schein der Leuchtreklame weiter. War es nicht auch gerade diese Art von Teilnahmslosigkeit, die Marilyn Monroe entgegenschlug, wenn sie den Wunsch äußerte als Charakterdarstellerin zu arbeiten. Alles ist vergänglich, auch der größtmögliche Ruhm. Es wird zwar stets nach dem Menschen hinter der Fassade gesucht, doch ist es wohl die Fassade, die so goldig glänzend bis in unsere Tage hinein das Bild der Marilyn Monroe dominiert. Es ist Marilyn Monroe, die in Erinnerung bleibt und nur ein wenig die Norma Jean. Ob dies so ist, danach fragt auch die Jubiläumsausgabe „Golden Marilyn“.

Ihren Intellekt und ihre Begabung schätzte aber vor allem ihr Ehemann Arthur Miller.


GOLDEN MARILYN
Marilyn und die Kamera
Photographien aus den Jahren 1945-1962

Mit einem Vorwort von Jane Russell und einem Interview von Georges Belmont

272 Seiten, 152 Tafeln in Farbe und Duotone
Zweisprachige deutsch/englische
Centennial-Ausgabe
ISBN 978-3-8296-0952-4

€ 25,- € (Ö) 25,60 CHF 28,80