Herbert Boeckl – Hans Josephsohn.

Archetypen des Figuralen.

Bis 10.01.2027
Leopold Museum Wien

Herbert Boeckl – Hans Josephsohn. Archetypen des Figuralen im Leopold Museum Wien
Herbert Boeckl – Hans Josephsohn. Archetypen des Figuralen im Leopold Museum Wien

31. Juli 2026,
Geschrieben von Andreas Maurer

Zwei Künstler, zwei Generationen, zwei Medien. Und doch dieselbe Suche nach Form. Das Leopold Museum bringt Herbert Boeckl und Hans Josephsohn erstmals in einen Dialog und zeigt, wie Farbe, Gips, Bronze und Raum zu den eigentlichen Protagonisten einer außergewöhnlichen Ausstellung werden. PKG-Herausgeber Andreas Maurer war beim Opening.

Ausstellungsansicht, Leopold Museum, Wien | Vienna, Foto | photo: Leni Deinhardstein

Werbung

Seit der Renaissance galt der Wettstreit zwischen Malerei und Skulptur – der Paragone – als eine der großen kunsttheoretischen Fragen Europas. Welche Kunstform vermag den Menschen überzeugender darzustellen: die Farbe oder der Stein, die Fläche oder der Körper? Die Moderne hat diese Debatte schließlich überwunden. Das Leopold Museum greift sie mit der Ausstellung „Herbert Boeckl – Hans Josephsohn. Archetypen des Figuralen“ dennoch indirekt wieder auf, allerdings nicht als Konkurrenz der Gattungen, sondern als Begegnung zweier Künstler, die sich nie begegnet sind und dennoch erstaunlich ähnliche Fragen stellen. Die Schau versteht sich als Dialog über Körperlichkeit, Materialität und den Prozess der Formfindung. Tatsächlich entwickelt sie darüber hinaus aber noch eine eigene Erzählung über das Verhältnis von Material und Raum.

Die Gegenüberstellung des österreichischen Malers Herbert Boeckl (1894–1966) und des Schweizer Bildhauers Hans Josephsohn (1920–2012) wirkt zunächst wahrscheinlich überraschend. Fast eine Generation trennt die beiden Künstler, ebenso ihre geografischen und kulturhistorischen Kontexte. Boeckl zählt zu den prägenden Figuren der österreichischen Moderne nach Klimt, Schiele und Kokoschka. Während sich die europäische Malerei nach dem Ersten Weltkrieg zwischen Expressionismus, Neuer Sachlichkeit und schließlich immer stärkerer Abstraktion bewegt, hält er unbeirrt an Landschaft, Stillleben und menschlicher Figur fest. Allerdings nicht als illusionistische Wiedergabe, sondern als Ergebnis eines Materialexperiments.

Gerade darin liegt die Gemeinsamkeit beider Künstler: Boeckl wie Josephsohn arbeiten gegen den Zeitgeist, ohne in Traditionsdenken zu verfallen.

Hans Josephsohn, Ohne Titel, 1969 Messing | 208 x 62 x 50 cm © Josephsohn Estate und Kesselhaus Josephsohn, St.Gallen Foto: Kesselhaus Josephsohn, St. Gallen © Josephsohn Estate

Herbert Boeckl, 1894–1966 Akt vor gelber Kiste, 1925 Öl auf Leinwand | 95,4 x 73,2 cm Privatbesitz Foto: Leopold Museum, Wien © Herbert Boeckl Nachlass, Wien

Der Rundgang entwickelt daraus eine subtile, aber bemerkenswerte Dramaturgie: Von der Figur zur Form, von der Materie zur Masse.

Hans Josephsohn wiederum entwickelt nach 1945 in Zürich eine vollkommen eigenständige Bildhauerei. Während Minimal Art, Konzeptkunst oder Pop Art den internationalen Kunstdiskurs prägen, verweigert auch er sich den zeitgenössischen Moden. Die menschliche Figur bleibt Zentrum seines Schaffens, allerdings jeder Individualität beraubt. Seine zeitlosen, anonymen und archetypischen Figuren, Halbfiguren und Köpfe können als Verdichtungen menschlicher Existenz gelesen werden.

Gerade darin liegt die Gemeinsamkeit beider Künstler: Boeckl wie Josephsohn arbeiten gegen den Zeitgeist, ohne in Traditionsdenken zu verfallen. Sie feiern das Motiv und erneuern gleicheitig dessen Materialität.

Schon die ersten Räume der aktuellen Schau im Leopold Museum verdeutlichen diesen Ansatz: Noch begegnen sich vergleichsweise schlanke stehende Figuren Josephsohns und Boeckls figurative Gemälde und Zeichnungen auf Augenhöhe. Die Ausstellungstexte sprechen hier von einem gemeinsamen Interesse an der menschlichen Gestalt als „Grundform der Wahrnehmung“. Doch allmählich verschiebt sich der Fokus. Mit jedem weiteren Saal verdichten sich Volumen und Material. Josephsohns Figuren verlieren auf der einen Seite an Schlankheit und wachsen zu blockhaften, monolithischen Körpern zusammen. Boeckls Gemälde gewinnen hingegen immer stärker an stofflicher Dichte. Der Rundgang entwickelt daraus eine subtile aber bemerkenswerte Dramaturgie: Von der Figur zur Form, von der Materie zur Masse.

Besonders eindrucksvoll wird dies anhand Boeckls Werken wie „Akt vor gelber Kiste“ oder „Gruppe am Waldrand“. In diesen Arbeiten entstehen die Figuren weniger durch Zeichnung oder Kontur als durch übereinander geschichtete Farbmassen. Reliefartig trägt Boeckl die Farbe auf, manchmal direkt aus der Tube – inklusive Krusten und Brüchen. Das Ergebnis: Die Darstellung bzw. der Farbauftrag beschreibt keine Körper mehr, sondern wird selbst Körper.

Werbung

Ausstellungsansicht, Leopold Museum, Wien | Vienna, Foto | photo: Leni Deinhardstein

Josephsohn verfolgt den umgekehrten Weg. Seine Figuren entstehen additiv aus Gips und werden später in Bronze oder Messing gegossen. Material wird aufgetragen, wieder entfernt, ergänzt und erneut überarbeitet. Die Objekttexte sprechen von einem „offenen Prozess des Werdens“; tatsächlich wirken die Oberflächen wie geologische Sedimente, in denen jeder Arbeitsschritt eingeschrieben bleibt. Anders als in der klassischen Bildhauerei verschwindet der Entstehungsprozess nicht hinter einer glatten Oberfläche, er wird zum eigentlichen Thema.

Darin liegt die eigentliche Stärke der Ausstellung: Beide Künstler denken Material nicht als neutrale Hülle einer Idee, sondern als deren Ursprung. Form und Raum entsteht nicht gegen das Material, sondern aus dessen Widerstand. Boeckls pastose Leinwände treten den Betrachter:innen reliefartig entgegen und behaupten sich als physische Objekte. Josephsohns Skulpturen definieren Raum nicht durch ausgreifende Bewegung, sondern durch Masse, Gewicht und Verdichtung.

So beginnt sich im Verlauf der Ausstellung der alte Gegensatz zwischen Malerei und Skulptur aufzulösen (wie auch im Plakat der Schau bereits optisch angedeutet). Boeckls Malerei entwickelt plastische Qualitäten, Josephsohns Skulpturen gewinnen durch ihre lebendigen Oberflächen eine beinahe malerische Wirkung.

Die Naturkulisse Ischls gibt als natürliches Statussymbol das passende Bühnenbild ab.

Herbert Boeckl, Die Heilige Thérèse von Lisieux, 1952 Öl auf Leinwand | 92 x 73,5 cm Belvedere, Wien Foto: Belvedere, Wien/Johannes Stoll © Herbert Boeckl Nachlass, Wien

Hans Josephsohn, Ohne Titel, 1990 Messing | 139 x 91 x 80 cm © Josephsohn Estate und Kesselhaus Josephsohn, St.Gallen Foto: Kesselhaus Josephsohn, St. Gallen © Josephsohn Estate

Die Darstellung bzw. der Farbauftrag beschreibt keine Körper mehr, sondern wird selbst Körper.“

Etwas weniger überzeugend ist in diesem Zusammenspiel der Untertitel der Ausstellung: „Archetypen des Figuralen“. Zwar lassen sich in beiden Œuvres universelle Formen erkennen, doch bleibt dieser Begriff letztlich theoretischer Überbau. Die Saaltexte verweisen auf existenzielle Fragen des Menschseins und archetypische Bildformen, die Werke selbst benötigen diese Deutung jedoch kaum. Ihre Kraft entfalten sie unmittelbar aus der physischen Präsenz des jeweiligen Materials. Die stärksten Momente sind daher jene, in denen die Ausstellung ihren eigenen Anspruch eigentlich hinter sich lässt und die Werke ohne erklärenden Überbau miteinander in einen Dialog treten und Kontrapunkte bilden.

Die Ausstellung beantwortet die Fragestellung aus dem alten Paragone-Streit daher nicht, sie erklärt sie für überholt. Dass sie die Betrachter:innen weniger mit kunsthistorischen Argumenten als mit der physischen Präsenz von Farbe, Gips, Bronze und Messing überzeugt, macht „Herbert Boeckl – Hans Josephsohn“ zu einer der konzentriertesten und sinnlichsten Ausstellungen des Wiener Kunstsommers.

Die Ausstellung beantwortet die Fragestellung aus dem alten Paragone-Streit daher nicht, sie erklärt sie für überholt.“

Hans Josephsohn, Ohne Titel, 1952 Messing | 200 x 154 x 10 cm © Josephsohn Estate und Kesselhaus Josephsohn, St.Gallen Foto: Kesselhaus Josephsohn, St. Gallen © Josephsohn Estate

Herbert Boeckl, Komposition, 1947 Öl auf Leinwand | 130 x 123 cm Privatbesitz Foto: Herbert Boeckl Nachlass, Wien © Herbert Boeckl Nachlass, Wien

Leopold Museum, Wien | Vienna, Foto | photo: Leni Deinhardstein


HERBERT BOECKL/ HANS JOSEPHSOHN
Archetypen des Figuralen

24.07.2026-10.01.2027
Museum Ludwig, Wien