Im Erweiterten Raum
STRABAG ART und Künstlerhaus Vereinigung
18.02. – 07.06.2026
Künstlerhaus Wien
01. Apr. 2026,
Geschrieben von Birgit Vollmeier
Können so traditionelle Ausdrucksmittel wie Malerei und Zeichnung in einer multimedialen Gegenwart überhaupt noch bestehen? Sie können! Indem Grenzen ausgelotet und auch überschritten werden. Das beweist diese Schau mit Werken zehn nationaler und internationaler Künstler:innen, die eines gemeinsam haben: Sie alle sind Preisträger:innen des STRABAG ART Award.
Clemens Wolf, Parachute Sculptures und eine kleine Retrospektive, 2025 @ Michael Nagl, 2026
Bereits im ersten Raum der Ausstellung wird klar, dass Malerei und Zeichnung keine Grenzen kennen. Es sind Clemens Wolfs Fallschirme, die den Blick in Bann nehmen. Sie verdeutlichen im Kontrast zu seinen Werken an der Wand – die eine Chronik seines Schaffens abbilden – wie sehr der Künstler die Zweidimensionalität hinter sich gelassen hat. Die Abbildung urbaner Räume mittels Schablonen oder Zäunen hat sich mehr und mehr hin zu einer Auseinandersetzung mit Form, Material und der Einzigartigkeit des Zufalls entwickelt. Ebenso einnehmend sind die Arbeiten von Lucia Tallová, in denen sie in unterschiedlichster Form über Erinnerungen, Weiblichkeit und Vergänglichkeit reflektiert. Beispielhaft erwähnt sei A Room with a View, eine Objektarbeit die zeigt, wie sehr sich Malerisches in den Raum öffnen kann.
In ein ganz eigenes Universum entführt Robert Gabris die Besucher:innen mit seinen ebenso liebevoll wie aufwändig gestalteten Zeichnungen. Auf purpurnem Hintergrund tummeln sich Geisterwesen in spekulative Geschichten, die – angelehnt an das kulturelle Erbe der Roma – neue Erzählmuster schaffen sollen, indem bisher ausgeschlossene und queere Figuren integriert werden.
„Kunst ist Bewegung. Sie dehnt sich aus, überschreitet Grenzen, nimmt Raum ein – im physischen wie im gedanklichen Sinn. Mit der Ausstellung Im erweiterten Raum möchten wir diese Bewegung sichtbar machen: als Ausdruck eines Dialogs zwischen zeitgenössischer Kunst, gebauter Umwelt und gesellschaftlicher Verantwortung.“
Sebastian Haselsteiner
Robert Gabris, Duv 14, 2025 © Robert Gabris/Bildrecht, Wien 2026
Lucia Tallová, Room with a View, 2025; Holz, Buch, Buchseiten und Kohle, 151 x 111 x 31 cm (Foto: © Adam Šakový)
Robert Gabris, Duv 3, 2025; Buntstift, Mohnblumen und roter Faden auf Papier (© Robert Gabris/Bildrecht, Wien 2026)
„Im erweiterten Raum zeigt Malerei und Zeichnung als Experimentierfeld und Forschungsraum zugleich.
Offen für Austausch, aber stets mit eigener Stimme, sind beide Medien heute formal und inhaltlich so vielgestaltig wie wohl nie zuvor in ihrer Geschichte.
Günter Oberhollenzer
Im nächsten Raum spielt Weiblichkeit – sei es der Körper oder die Sichtweise – eine große Rolle. In ihrer monumentalen Arbeit Alles ist das Gegenteil von Freiheit oder Und zur Lage der Welt XXVI bringt Maria Legat einmal mehr die Themen Körper, Macht und Identität mit sicherer Hand auf grobes Leinen und erkundet gesellschaftliche und politische Bildräume aus einer weiblichen Perspektive. Dem gegenüber stehen Zeichnungen und Malereien Sevda Chkoutovas, die die Autonomie und Sinnlichkeit des weiblichen Körpers zelebrieren. Sie berührt mit dem lebendigen Prozess der Verletzlichkeit und Verwandlung, die sich auch in der Verschmelzung der großflächigen Wandzeichnungen mit den ausgewählten Papierarbeiten zeigt.
Für Gunter Damisch soll – nach eigener Aussage – Kunst ins Leben hineinwachsen, eine Verschränkung ohne Limitationen bilden. Diesem Gedanken folgend, erschafft er in Malereien, Zeichnungen und Skulpturen komplexe, organisch wachsende Welten, die sich mit dem Universum, Mikro- und Makrokosmen und der Geschichte der Erde befassen. Mit starken Farben und einem großzügig pastosen Auftrag formt er Landschaften, Gestalten, Naturwesen und Himmelswelten.
Es sind Konsumkritik und Geschlechterrollen, die Birke Gorm beschäftigen. Für ihre Werke verwendet sie gebrauchte Stoffe oder gefundene Objekte, aus kapitalistischer Sicht „totes“ Material und transformiert sie zu künstlerischen Objekten. Immer wieder greift sie in ihrer künstlerischen Praxis tradierte Geschlechter- und Produktionsrollen auf, wie etwa in ihren aufwändigen Handstickereien aus Juteleinen oder der kleinen Terracotta-Armee, die die Kraft schwangerer Frauen aufzeigt.
Maria Legat, ”Alles ist das Gegenteil von Freiheit“ oder ”Und zur Lage der Welt XXVI“, 2018 (Detail), Kohle und Farbe auf vorgeleimten Leinen, 218 x 1000 cm (Foto: Andrew Phelps)
Gunter Damisch, Ohne Titel, 2014; Öl und Tusche auf Makulaturpapier, 99 x 69,5 cm © Gunter Damisch/Bildrecht, Wien 2026
Auch wenn sich Stefan Peters in seinen Arbeiten der Natur widmet, gibt er sich nie mit einem Abbild dieser zufrieden. Vielmehr interessieren ihn der Gestus des Pinsels, kunsthistorische Referenzen oder experimentelle Techniken. Von ganz kleinen Formaten bis hin zur raumgreifenden Arbeit (Re)Appearance of a Landscape gelingt es ihm, Betrachter:innen mit neuen Bilderlebnissen zu überraschen. Dem gegenüber stehen die gleichermaßen zarten wie kraftvollen Malereien von Natascha Schmitten. Die auf Nylon aufgetragenen Farbpaletten – egal, ob reduziert oder intensiv – scheinen zu schweben und lassen nach eingehender Betrachtung Umrisse von Figuren oder Silhouetten erkennen.
Der letzte Raum der Ausstellung gleicht einer Wunderkammer. In großformatigen Zeichnungen setzt Andreas Werner Versatzstücke aus Landschaften, Mythologie, Maschinen und Architektur zu hybriden, archaisch-futuristisch wirkenden Wesen zusammen, die gleichermaßen Cyborgs, Bauwerke oder Raketen sein könnten. Damit gelingt ein wunderbarer Abschluss einer Ausstellung, die es vermag mit einer Vielfalt an Sicht- und Herangehensweisen zu überzeugen.
Man muss die Werke sehen, erleben, sich ihnen aussetzen. Das gelingt nur im analogen (Ausstellungs-)Raum.“
Günter Oberhollenzer
Stefan Peters Untitled, 2021 Öl auf Holzplatte
Birke Gorm, all-in (check, yellow), 2023; Textil, Terrakotta, Metall; 122 x 100 x 12 cm, Foto: Courtesy Croy Nielsen/kunstdokumentation.com
Natascha Schmitten, Phosphor, 2018; Tusche und Öl auf Nylon
Andreas Werner, come a little bit closer, hear what I have to say I, 2024; Grafit, Bleistift, Pigment, Pastell und Goldstaub auf Papier © Andreas Werner/Bildrecht, Wien 2026, Foto: Courtesy Galerie Krinzinger / Tamara Rametsteiner
Die Ausstellung ist eine Kooperation von STRABAG ART und Künstlerhaus Vereinigung und wurde von Sebastian Haselsteiner und Günther Oberhollenzer kuratiert.
Teilnehmende Künstler:innen: Sevda Chkoutova, Günter Damisch, Robert Gabris, Birke Gorm, Maria Legat, Stefan Peters, Natascha Schmitten, Lucia Tallová, Andreas Werner, Clemens Wolf
STRABAG ART betreut die Kunstsammlung der STRABAG SE, die mit rund 8.500 Werken zu den bedeutendsten privaten Sammlungen in Europa zählt. Sie vergibt heuer zum 31. Mal den STRABAG ART Award für zeitgenössische Kunst.
Begleitend zur Ausstellung findet sich von 28. Februar bis 29. März 2026 in den Räumlichkeiten der Factory ein vertiefender Einblick in den STRABAG ART Award mit 34 nationalen und internationalen künstlerischen Positionen.