Impressions Du Japon
01. Juni 2026,
Geschrieben von Melanie Obraz
Japan steht für eine Strahlkraft, der sich die westliche Welt nie entziehen konnte und wollte. Die Farbholzschnitte, die Malerei und die feinen Zeichnungen vergegenwärtigen das Bild einer längst vergangenen Zeit, die dennoch auch heute noch in der Theaterwelt Japans eine führende Rolle spielt – nicht nur als Touristenattraktion. Worin besteht nun das Faszinosum? Die Leser:innen mögen es entscheiden, ob es die feine Linienführung ist, mit welchen die Künstler die Mimik der Gesichter aber auch die Hände und Füße als charakteristische Gestik herausstellten oder die Farbsinfonie, die aus den Bildern herauszuspringen scheint. Höchstwahrscheinlich ist es die Kombination, die eine so vollendete Grazie bewirkt.
Ausstellungsbilder „Impressions du Japon“, Foto © Julien Gremaud
Diese Blätter sind weit mehr als bloße Vorarbeiten; sie fungieren als eine Art visuelles Tagebuch.
Das Intro des Buches wartet sogleich mit einer Serie eindrucksvoller Bilder auf, die in ihrer Farbigkeit und Intensität die Betrachter:innen in den Bann ziehen und damit eine Begeisterung entfachen, die sich auch durch das gesamte Buch „zieht“. Der Schweizer Rudolf Schindler (1914–2015) stellt dabei als Sammler den Ausgangspunkt dar, zumal er durch sein Engagement die Begeisterung für die japanische Kunst mit entfachte. Im Besonderen hat Schindler als Sammler, Künstler, Lehrer und vor allem auch durch seine Schenkungen an das Musée Jenisch der japanischen Kunst einen besonderen Stellenwert verliehen. Es ist jene Geltung, die ebenso in den Aufsätzen von Sabine S. Bradel, Hans Bjarne Thomsen, Stephanie Santschi, Estelle Bauer, Helen Loveday, Sofia Monney-Pallara und Nobuto Ogawa spürbar wird.
Man darf sagen, dass Rudolf Schindler, der selbst als Maler und Zeichner seine Begabungen und Sichtweisen an seine Schüler vermittelte, vor allem auch als Wegbereiter japanischer Kunst in Europa zu würdigen ist. Damit wird sogleich das Kapitel Ferdinand Hodler (1853–1918) angesprochen, da Schindler auch ihm in hoher Wertschätzung verbunden war, zumal sich auch Hodler mit japanischer Kunst und vor allem mit Holzfarbschnitten des Japonismus beschäftigte. Eine sich daraus herleitende Kunstsprache entstand und präsentiert Hodler in einem neuen Licht. Rudolf Schindler kommt hier das Verdienst zu, dass er die Verbindung zwischen der Kunst Hodlers und dem japanischen Ausdruck verdeutlichte. Obwohl Hodler nicht die exotischen Motive (wie Kirschblüten oder Kimonos) zeichnete und sein Fokus auf den formalen Prinzipien wie einer radikalen Flächigkeit und Silhouette lag, erweist sich hier die grundlegende Verbindungslinie zwischen Hodler und den japanischen Kompositionsprinzipien. Zitat: „Upon examining Hodler’s sketches for the fresco La Bataille de Näfels one is immediately reminded of kabuki actors striking poses on the stage…“. So spiegeln Hodlers präzise Zeichnungen quasi die feine Linie der japanischen Kunst wider. Darüber hinaus führen die japanischen Maler, Zeichner und Holzschnitzer in eine Welt der Natur ein, die jenseits der akademisch vorgebildeten Malweise eines westlich verstandenen Naturalismus besteht.
Utagawa Sadahide © „Impressions du Japon“
Auch aus diesem Grunde favorisiert dieser Band die sogenannte und sehr lang währende Edo-Zeit (1600–1868) – benannt nach der damaligen Stadt Edo (ehemals ein Fischerdorf), heute Tokio – als einen entscheidenden und damit zentralen Punkt, womit die Bandbreite der Malerei und Kunst jener Epoche des Friedens behandelt wird. Bemerkenswert ist auch, dass die Abschottung des Landes gegenüber der übrigen Welt der Entstehung und Entwicklung einer höchst sensiblen eigenen Kunst förderlich war. Auch später im 19. Jahrhundert, nach Öffnung des Landes, entfachten die japanischen Holzschnitte – Ukiyo-e-Holzschnitte – einen wahren Boom in Europa und beeinflussten u.a. die Künstler des Impressionismus. Vor allem ließen sich Maler wie Claude Monet, Vincent van Gogh und Edgar Degas wesentlich von den neuen Perspektiven, der Asymmetrie und der ausdrucksstarken Farbigkeit der japanischen Edo-Künstler inspirieren. In dem hier vorliegenden Werk werden namentlich u.a. die folgenden japanischen Künstler exponiert genannt:
In dem hier vorliegenden Werk werden namentlich u.a. die folgenden japanischen Künstler exponiert genannt:
Toyahara Kunichika (1835–1900) steht für ausdrucksstarke Darstellungen und Porträts von Schauspielern, die mit detaillierter und extrem exakter Linienführung abgebildet werden. Zitat: „…les caractéristiques faciales sont détaillées avec une grand précision, celles-ci étant apparemment trop importantes pour être confiées à une autre personne que le maître artisan.“ Wichtig ist auch, dass der japanische Holzschnitt eine gemeinschaftliche Arbeit des Meisters, seiner Studenten und anderer Mitarbeiter des Handwerks war und so nie eine isolierte Einzelleistung darstellte.
Katsukawa Shunko (1743–1812) stellte die Schauspieler des Kabuki-Theaters in realistischer Umgebung dar, „as if the event had actually taken place off stage, in real life.“ Seine Werke erreichten damit das Publikum in einer Art der Direktheit, die Barrieren abbaute.
„Bemerkenswert ist auch, dass die Abschottung des Landes gegenüber der übrigen Welt der Entstehung und Entwicklung einer höchst sensiblen eigenen Kunst förderlich war.“
Utagawa Hiroshige, © „Impressions du Japon“
Utagawa Kunsidada, © „Impressions du Japon“
Utagawa Hiroshige (1797-1858) Le Restaurant Aoyagi à Ryōgoku, planche de la série Restaurants célèbres d’Edo, vers 1838-1840 Gravure sur bois, 239 x 357 mm Musée Jenisch Vevey – Cabinet cantonal des estampes, collection de la Ville de Vevey
Utagawa Kunisada (1786–1865) steht gleichermaßen für seine herausragenden Buchillustrationen und Schauspielerporträts. Kunisada war ein Schöpfer neuer Wege der künstlerischen Umsetzung der Malweise. Man würde ihn heute als Trendsetter bezeichnen, der neue Ideen in die Kunst einbrachte. Er beeinflusste maßgebend den Stil jener Epoche. Zitat: „While kabuki actors were often depicted as they were typically seen – that is as actors on the stage, as in the image Iwai Hanshioro IV by Katsukawa Shunko cat.19 – they were also occasionally depicted in free space, isolated from any context, as in Kunisada’s print of the fifth generation Hanishiro cat.33.“
Utagawa Toyoharu (ca. 1735–1814), der Gründer der Utagawa-Schule, fertigte Darstellungen von Teehäusern, Geschäften und eine Vielzahl an Illustrationen zum Theater an und ebnete quasi den Weg hin zu einer Farbigkeit und Linienführung, die richtungsweisend für den japanischen Holzschnitt und die Malerei wurde. Zitat: „La liberté nouvellement acquise grâce à l’abandon des traditions anciennes, plus statiques, et le succès commercial de ces images attirent quantité de jeunes gens vers l’école Utagawa.“
Charakterisierend für die Edo-Zeit sind die lange Friedensperiode, die strenge soziale Einteilung der Bevölkerung in vier Stände, die Abschottung des Landes nach außen sowie der Ausbau und Aufstieg von Edo zur Metropole. Als Folge jener langen Friedenszeit wuchs auch der Wohlstand des Bürgertums und so hatte man Zeit, sich den Künsten zu widmen und die Künste zu genießen. Das Kabuki-Theater ist hierfür ein klarer Beweis und als Teil der Unterhaltungskultur des Bürgertums zu sehen. Das Kabuki-Theater bot zwar keine seichte Unterhaltung, war aber nicht in dem Sinne elitär wie das No-Theater. Kabuki glänzte durch seine farbenfrohen Inszenierungen und zeigte sich in einer Lebendigkeit, die dem sehr meditativen No-Theater konträr gegenüberstand. Auffallend war das bunte Make-up der Kabuki-Schauspieler, die ohne Maske agierten. Erwähnenswert ist, dass auch im Kabuki alle Rollen von Männern übernommen wurden, die Musik, Tanz und Pantomime zu einem wohl unvergesslichen Erlebnis für die Zuschauer:innen verwandelten. Gerade diese von Vitalität sprühende Lebensfreude fand eine Fortsetzung in den Holzschnitten der japanischen Kunst. Nach Öffnung Japans im 19. Jahrhundert zeigt sich dann auch eine Begeisterungswelle, die als Japonismus bezeichnet wurde. Und dies macht auch das Buch sehr deutlich. Selbst heute noch lebt die Tradition des Kabuki-Theaters im modernen Japan fort und steht für ein lebendiges UNESCO-Kulturerbe.
„Gerade diese von Vitalität sprühende Lebensfreude fand eine Fortsetzung in den Holzschnitten der japanischen Kunst.“
„Hier bekundet sich das gewisse Etwas, welches auch ohne den Austausch mit anderen Nationen entstehen kann – eigentlich eher ein Widerspruch, doch umso aufregender verfolgt man die Ausführungen des Buches am Beispiel Japans und der Edo-Zeit.“
Das zweisprachige Buch (englisch, französisch) bietet mit Abbildungen von ca. 200 Farbholzschnitten auch zeichnerische Studien, die einen Einblick in die detaillierte Arbeitsweise der japanischen Künstler geben.
Die Aufteilung im Buch verfolgt die Strategie des Erzählens, während die begleitenden zahlreichen Bilder auf die Leser:innen einen spektakulären Reiz ausüben, der von der Lebendigkeit der japanischen Bildwelt zeugt, wie auch von der Eleganz der Interpretation, welche von den Autoren geleistet wird. Die Bildwelt zeichnet parallel dazu das Atmosphärische des Erzählens nach und so wird verständlich, warum auch die Kunst des Kabuki noch heute in Japan eine so exponierte Rolle spielt. Das Buch führt die Leser:innen in eine verzaubernde Welt der Edo-Zeit, die eindrucksvoll in den Ausführungen erklärt und differenziert nachgezeichnet wird, nicht zuletzt durch die Bilder, in welchen diese Zeit von Neuem ersteht. Es bringt uns eine Zeit und ein Land nahe, das auch infolge einer Abschottung etwas Faszinierendes hervorbrachte und das für die Außenwelt zutiefst berührend wie berückend war und ist. Hier bekundet sich das gewisse Etwas, welches auch ohne den Austausch mit anderen Nationen entstehen kann – eigentlich eher ein Widerspruch, doch umso aufregender verfolgt man die Ausführungen des Buches am Beispiel Japans und der Edo-Zeit.
Das Werk „Impressions Du Japon/Impressions Of Japan“ leistet einen hochkarätigen Einblick in die Kunst der Edo-Zeit, womit zugleich ein Verständnis für eine Kultur geweckt wird, die uns auch heute noch vielleicht etwas fremd erscheinen mag.
Als Besonderheit sei noch die angenehme Handlichkeit des Buches erwähnt, da der Einband fast die Struktur eines Holzschnitts suggeriert.
![]()
Buchansicht © Laetitia Gessler
Buchansicht © Laetitia Gessler
Ausstellungsbilder „Impressions du Japon“, Foto © Julien Gremaud
Erst eine derart gebaute Strenge verschafft allen anderen Designelementen die Möglichkeit zu größtmöglicher Entfaltung, würde er vermutlich sagen und dann womöglich auf die Notwendigkeit verweisen, dass auch Edelsteine erst recht zur Geltung kommen, wenn sie den nötigen Schliff und die richtige Fassung bekommen. Insofern ist Piet Blanckaert durchaus als Abkömmling der Topiarigärten der Renaissance und des Barock ansehen. Allerdings legt er sein Augenmerk nicht darauf, wie ehedem sämtliche Pflanzen durch komplizierte Schnitttechniken in geometrische Form zu zwingen und ihnen ein architektonisches, ornamentales oder figürliches Aussehen zu verleihen. Statt der geschwungenen „Broderies“ und labyrinthisch verschlungenen Muster kommt es ihm zuallererst auf Struktur gebende Klarheit an. Oft sehen seine Formschnittgehölze wie Spielfiguren auf einem Brett aus. Der luftige Freiraum zwischen abgerundet geschnittenen Zylindern schafft dann das, was das Paradox jeglicher Grenze ausmacht: das Ende eines Raums und zugleich auch seine Durchlässigkeit zu markieren.
Sein durchgängiges Credo lautet: Ohne formale Strukturen kein romantischer Wildwuchs. Farb- und Blütenexplosionen gibt es nur hinter einengenden Wänden aus Hecken und Gehölzen aus Buchs, Taxus oder Eibe, welche mit ihren Wänden und Toren oder geometrischen Körpern für An-haltspunkte und Rhythmisierung sorgen; erst dann dürfen Kletterhortensien die grünen oder steinernen Mauern in Kaskaden von Blüten überspielen; Buschzonen aus Rhododendren in Rot- und Violetttönen schaffen einen graduell vermittelnden Übergang zwischen flachen bowling greens, sanft ansteigenden „meadows“ und den großen Kiefern eines Landschaftsgartens oder prächtigen Solitären im Hintergrund. – Piet Blanckaert – ein moderner Traditionalist.
Statt der geschwungenen „Broderies“ und labyrinthisch verschlungenen Muster kommt es ihm zuallererst auf Struktur gebende Klarheit an.
Utagawa Toyokuni
Impressions Du Japon
Herausgegeben von Anne Deltour, Margaux Honegger, Musée Jenisch Vevey
Verlag: Scheidegger & Spiess
272 Seiten, 232 farbige und 4 s/w-Abbildungen
20.5 x 27.5 cm
ISBN 978-3-03942-293-7