Kirchner.Picasso

Wienand Verlag


21. Apr. 2026,
Geschrieben von Melanie Obraz

Der Katalog Kirchner.Picasso – Wienand Verlag –  reflektiert die Arbeiten der Künstler Ernst Ludwig Kirchner (1880–1938)  und Pablo Picasso (1881-1973) nicht ausschließlich unter kunsttheoretischen Gesichtspunkten, sondern auch unter den sozialen Aspekten, der anstehenden gesellschaftspolitischen Umbrüche zu Beginn des 20. Jahrhunderts. Im Besonderen findet die Frau als Muse, Lebensgefährtin, (eigenständige?) Künstlerpersönlichkeit Beachtung. Ebenso wird sie auch als abhängige Person skizziert, die ihre eigenen Wirkungsmechanismen erst ausprobiert. Laszivität steht neben Einsamkeit, Entfremdung und der steten Neuerkundung des Malerischen, Zeichnerischen, die den neuen Ausdruck ermöglichen sollen.

Ernst Ludwig Kirchner, Drei Akte im Wald, 1933, Farbholzschnitt auf Papier, 35,3 × 49,7 cm, LWL-Museum für Kunst und Kultur, Münster, Inv. K 56-61 LM, in Münster ausgestellt Foto: LWL-Museum für Kunst und Kultur, Münster / Sabine Ahlbrand-Dornseif

Laszivität steht neben Einsamkeit, Entfremdung und der steten Neuerkundung des Malerischen, Zeichnerischen, die den neuen Ausdruck ermöglichen sollen.“

Der Katalog thematisiert Kirchners wie auch Picassos Frauen-Porträts sehr detailliert und ermöglicht so den Blick in eine Gefühlswelt, die der Anonymität des gesellschaftlichen Umfelds eine Nähe entgegenzubringen gedachte und darin speziell die Frau als Mensch in den Fokus stellt. Sind es bei Kirchner nicht selten Frauen, die als Prostituierte und/oder Anhängsel der männlich ausgerichteten Domänen – sei es nun in der Kunst oder im täglichen Leben – ein eher freudloses Dasein fristeten, so ist darin dennoch die Perspektive eines Neuanfangs spürbar, zumal gerade dadurch erst die Situation der Frau zum Thema wird. Auch die Frau als Modell, die lediglich als Schablone dem Künstler zur Verfügung steht, gerät so in ein kritisches und damit auch aufbegehrendes Umfeld.

Ganz im Vordergrund steht hier als zusätzliches Stilmittel die Farbigkeit, die in grellen Tönen hervorsticht und die Markanz der Frauen auch besiegelt. So zeichnet Kirchner die Moderne als Sinnbild einer Leere, die kaum die Emotionen mehr zulässt, die einer Kunst doch den Nährboden bietet.

Deutlich wird, wie sehr Kirchners Werk mit seinen persönlichen Erlebnissen, die von einer teilweise als grausam erfahrenen Umwelt geprägt waren, mit seiner Kunst symbiotisch einhergehen.  Das Trauma des ersten Weltkrieges entzieht sich jeder psychisch ergebnisreichen Verarbeitung und verbleibt in einem nicht zu bewältigenden Vakuum. Das Leben wird von ihm neu gezeichnet und zwar in den Skulpturen ebenso wie in Gemälden und Skizzen.

Immer wieder geht es ihm um das Etwas, welches sich in einer Einfachheit kundtut und seine persönliche Lebenssituation nicht nur miteinbezieht, sondern spiegelt. Alles zu sehr der Zivilisation verhaftete, sah er distanziert und sehnte die Befreiung herbei, die er mit einem Ausdruck der Ursprünglichkeit und ohne ein bereits bestehende Vorbild zu erlangen suchte.

Die Frau steht als Quelle und Ursprung jeglicher kreativen Tätigkeit bei Kirchner und dies mag so auch für Picasso gelten. Ganz in diesem Sinne stellt der Katalog die beiden Künstler auch nicht nur vergleichend nebeneinander, sondern vielmehr werden Picasso und Kirchner mit ihren Werken als ein Miteinander ausgestellt. Es sind diese gewissen Schnittmengen, die sich den Betrachtern der Werke mitteilen und sagen, seht her so hat sich unser Stil dahingehend entwickelt, dass wir dies so aussagen können. Bei Kirchner stellt sich mehr und mehr heraus, wie seine Modelle auch Partnerinnen und Mitgestalterinnen an und in einem Schaffensprozess sind.

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Ernst Ludwig Kirchner, Farbentanz, 1933, Farbholzschnitt auf Papier, 49,5 × 53,3 cm, Privatbesitz, in Münster ausgestellt Foto: Georgios Michaloudis, farbanalyse, Köln

Ernst Ludwig Kirchner, Zwei Badende (Fehmarn), 1912, Öl auf Leinwand, 61 × 50,5 cm, Neue Nationalgalerie, Stiftung Preußischer Kulturbesitz, Berlin, Inv. NG 6/96, in Münster und Davos ausgestellt Foto: bpk / Nationalgalerie, SMB / Jörg P. Anders

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„So zeichnet Kirchner die Moderne als Sinnbild einer Leere, die kaum die Emotionen mehr zulässt, die einer Kunst doch den Nährboden bietet.“

So zeugen seine Darstellungen des Weiblichen auch von dem Drang nach Unabhängigkeit, Selbstständigkeit und letztlich einer so oft diskutierten Befreiung.

So lässt der Katalog die Interpretation zu, dass Kirchner seine Gemälde bewusst als eine Möglichkeit der Sozialisation eingesetzt hat, eben um die gesellschaftlichen Verhältnisse mehr in Richtung einer Freiheit auszubauen, die aber primär die Freiheit des Mannes bleibt. Freiheit wird so auch in den Bildern als das männliche Projekt einer Selbstbefreiung verdeutlicht. Kirchners Arbeiten zeigen, dass er seine Malerei dazu einsetzt einen neuen, einen sich erneuernden Menschen zu propagieren. Es war ein Experimentieren, um gesellschaftspolitische Aspekte sichtbar zu machen. 

Daher verdeutlicht die  Darstellung der Frau in Kirchners Malerei, den Wunsch nach einer Abkehr von der bürgerlichen Gesellschaft, die ihm ohnehin als eine Art der Beklemmung  vorkam. Von dieser Situation, des von bürgerlichen Sichtweisen eingeengten Denkens, wollte er sich nicht nur distanzieren. Er beabsichtigte vielmehr, einen völlig neuen Weg der Natürlichkeit zu bereiten.

Dennoch blieb auch unter diesem Horizont die Frau als lediglich natürliche Muse oft eine Gefangene, um die Schöpferrolle des männlichen Künstlers zu unterstreichen. Kirchner sah sich so nur zu gern mit seinen Modellen in einer Schicksalsgemeinschaft stehend. Und damit installiert auch Kirchner (s)-eine männliche Machtdynamik. Bei ihm steht der Aspekt der Vitalität im Vordergrund, wenn er auf die Frau sieht und eben nicht der Wunsch nach einer Gleichstellung zwischen den Geschlechtern. Die oft grelle Farbigkeit bewirkt zugleich den unheilvollen Anspruch auf eine weibliche Freiheit, die durch die männliche Kunst einer Ästhetik unterworfen wird, die zugleich wieder jenen Freiheitsdrang bändigt. Die Frau gehört als Modell zu seinem künstlerischen Utensil und steht in seinem Besitz, was er durch sein Atelier als den Herrschaftsraum seiner Kunst unter Beweis stellt. Die von ihm eingesetzte Asymmetrie, mit welcher er bezeugt, dass er selbstständig und ohne Vorbild erschafft, unterstützen diese These. Kirchner kontrolliert und steuert seine Modelle?!

Kirchner.Picasso, Umschlag

Ernst Ludwig Kirchner, Zwei Frauen auf der Straße, 1914, Öl auf Leinwand, 121,2 × 90,4 cm, Kunstsammlung Nordrhein- Westfalen, Düsseldorf, Inv. 0223, in Münster und Davos ausgestellt Foto: bpk / Kunstsammlung Nordrhein- Westfalen, Düsseldorf / Achim Kukulies

Ernst Ludwig Kirchner, Drei Badende am Meer, 1912–20, Öl auf Leinwand, 114,5 × 115 cm, Sammlung Ulmberg, in Münster und Davos ausgestellt Foto: François Halard

Vor allem aber fragt der Katalog danach, ob auch Picasso in in fast gleicher Weise zu charakterisieren ist, oder ob sich, im Gegensatz zu Kirchner, bei ihm kein Machtverlust manifestiert.In diesem Sinne stellt das Buch einen exzellenten Vergleich her und charakterisiert die Künstler sozusagen als die im Geiste Verwandte. Doch wird Picasso sich nie in der Rolle des Untergebenen hervortun, sondern bleibt der Sieger – so zumindest in der Sichtweise des Pablo Picasso, der nicht an seinem eigenen Anspruch vergeht und seelisch zerbricht wie Kirchner. Dennoch ist Kirchner trotz seiner Vulnerabilität nicht unbedingt als ein tragisch Gescheiterter am eigenen Subjektivismus zu identifizieren. Dennoch gilt demgegenüber Picasso als ein Bollwerk des eigenen Freiheitsdenkens, der sein Ego in den Fokus stellt und in den Werken einmal mehr bedeutend ist, selbst in den Arbeiten, die Frauen thematisieren. Dora Maar als eine der bedeutenden Modelle und Teilhaberinnen an der Kunst Picassos wie andererseits das Beziehungsgeflecht von Kirchner und Erna Schilling, ermöglichen den Hauch eines Einblicks in eine Wegbeschreibung zweier Künstler, die irgendwie auch in einer Abhängigkeit zu den Frauen sehenswert ist.

Selbst für Picasso waren Resignation und Entfremdung exponierte Themen seiner Porträts, wie es z.B. die Bilder „Eingeschlafene Trinkerin“  1902; 1912/13 und „Das karge Mahl“ 1904 ausdrücken. Starke Grauabstufungen bringen den Effekt der totalen Niedergeschlagenheit hervor. Darin mag eine starke Verbindung zu Kirchner gesehen werden. Die Formensprache unterlag einer Wandlung und Picasso zeigte sich in seiner spezifischen Art der Anwendung der Linienführung immer wieder zu Neuem bereit. Darüber hinaus widmet sich der Katalog auch Künstlern wie Henri Matisse (1869-1954) und ihrem Umgang mit Modellen und Lebensgefährtinnen. So avanciert auch bei Kirchner das Atelier zu einem spezifischen Ort, einer Räumlichkeit, die als ein Ort der Geselligkeit beschrieben wird.

Im Fokus stehen dabei vor allem die Schicksale der Frauen, die Picasso und Kirchner auf ihren Wegen begleiten. Es geht auch hier darum, den Schleier, der sich nur zu oft über eine „belebte Mythologie der Bohème“ stützt, zu lüften. „Angesichts von Picassos Frauen sehen wir auch einen Künstler – und vor allem einen Mann – mit seinen Eigendynamiken, Bedürfnissen, Schwächen, Gemeinheiten und Egoismen. Und wir müssen unsere Fähigkeit hinterfragen, Figuren „großer Männer“, „Genies“ entwerfen zu wollen, die keinen Bestand haben können, weil sie die Summe einer Abfolge von Fantasien sind, die wir seit Jahrtausende mit künstlerischem Schaffen verbinden.“ (186f.) 

Abschließend darf gesagt sein, dass Picasso als Machtmensch etabliert war der durch seine propagierte  Stärke jenen Machtanspruch als etwas Unumstößliches mit und in seiner Person als Künstler wie auch als Mensch verband. Kirchner steht demgegenüber als ein Künstler und Mensch, der seine Freiheit in jeder Hinsicht auch schöpferisch ausleben wollte, um jedoch in dieser Hinsicht zu scheitern, zumal sein Oeuvre eher als Zerfall denn als Aufbruch zur neuen Freiheit – zu neuen Freiheiten – gesellschaftlich akzeptiert wurde.  Kirchner steht hier eher als der Experimentierende im Vordergrund und Picasso eher als der Macher, dem es auf die  Präsenz seines Selbst ankam und der seine Experimente zum Abschluss brachte.

Obwohl beide als Künstler ähnlich auf anstehende gesellschaftliche Umbrüche wie Industrialisierung und Urbanisierung reagierten, waren ihre Ausgangspunkte doch sehr unterschiedlich, eben weil sich Picasso mehr selbst in seiner Kunst inszenierte und Kirchner eher den Blick nach innen führte und er durch Abgrenzung sein Oeuvre gegen andere Künstler zu schützen suchte.   

Picasso blieb die Ikone und Kirchner war aufgrund seiner sozialen wie auch psychischen Einsamkeit, einer Isolation ausgesetzt, die ihn schließlich in den Suizid trieb. Bemerkenswert in diesem Buch ist vor allem, dass den Frauen eine Stimme verliehen wird und sie nicht als Geliebte oder Statisten im großangelegten Kunstgeschehen untergehen.   Ihre Eigenständigkeit und auch ihr soziales Umfeld finden Erwähnung und lassen es so nicht mehr zu, sie lediglich als Nebensache zu sehen.

„Freiheit wird so auch in den Bildern als das männliche Projekt einer Selbstbefreiung verdeutlicht.“


Die Ausstellung findet noch im Kirchner Museum Davos (15.2. – 3.5.2026) statt.

Kircher.Picasso
Wienand Verlag herausgegeben von Katharina Beisiegel, Hermann Arnhold
Beiträge von Katharina Beisiegel, Matthias Gegner, Laurence Madeline, Markus Müller, Anna Luisa Walter

224 Seiten, mit 187 farbigen und 15 s/w-Abb.
24 cm x 30 cm
ISBN 978-3-86832-832-5