Lise Gujer: Eine neue Art zu malen


27. Mai 2025,
Geschrieben von PEACH

Davos 1922.
Lise Gujer trifft auf
Ernst Ludwig Kirchner.

Was als kreative Begegnung zwischen der Weberin und dem Maler beginnt, entwickelt sich in den folgenden sechzehn Jahren zu einer intensiven Zusammenarbeit, aus der mehr als 30 Bildteppiche hervorgehen. Lange Zeit wurde Kirchner als der alleinige Urheber dieser Werke angesehen, während Gujer als die ausführende Weberin im Hintergrund blieb. Doch eine gemeinsame Ausstellung des Bündner Kunstmuseums Chur und des Brücke-Museums Berlin bricht mit diesem Narrativ.  Durch die Vorzeichnungen Kirchners und Arbeitsvorlagen Gujers sowie die originalen Wirkereien – eine Sonderform der Weberei – kommt ein neues Kapitel expressionistischer Kunst ans Tageslicht. Nur schwer löst man sich nach dem Ausstellungsbesuch von den faszinierenden, knallbunten Teppichen. Zum Glück bleibt ein Katalog, der das Eintauchen in den Kosmos Gujer aufs Neue möglich macht.

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Tänzerin, 1933 © Bündner Kunstmuseum Chur, Thomas Strub

Bauernpaar, Kuh und drei Bauern mit Ziege, 1922 © Kirchner Museum Davos

Blumenteppich, 1938 / nach 1952 © Bündner Kunstmuseum Chur, Thomas Strub

Blumenteppich, 1938 / nach 1952, verso © Bündner Kunstmuseum Chur, Thomas Strub

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„Die Weberei hat wunderbare Möglichkeiten, und ich lerne viel von ihr. Wie frei kann man die Formen umsetzen. […] Ich sehe eine neue Art zu malen möglich werden. […]“, schrieb Ernst Ludwig Kirchner 1923 in sein Tagebuch. Der Maler hatte kurz zuvor begonnen mit der Wirkerin Lise Gujer zusammenzuarbeiten. Seine Entwürfe sollten in Bildteppiche umgesetzt werden. Zu Beginn verlief die Umsetzung nicht zur Zufriedenheit des Künstlers, da die expressionistische Farbvorstellung nicht vollständig in das Medium des Textilen übertragen werden konnte. Doch bald fand Lise Gujer – eine Autodidaktin, die sich von der Weberei zur Wirkerei bewegte – zur gewünschten Farbigkeit. Von da an war ihr sehr viel Gestaltungsfreiheit in der Ausführung gegeben, die sie zu nutzen wusste. Trotzdem wurde bis vor Kurzem ausschließlich Ernst Ludwig Kirchner als Urheber der Bildteppiche in Sammlungen beziehungsweise Publikationen genannt, ohne jeglichen Hinweis auf Lise Gujer.

In ihren Bildteppichen verbindet Lise Gujer ländliche, figürliche Sujets mit expressionistischer Farbigkeit und moderner Bildkomposition. Doch nicht nur das Ergebnis ihrer Zusammenarbeit mit Ernst Ludwig Kirchner fasziniert, sondern auch der Weg dorthin. Im Katalog zur Ausstellung wird dieser nachgezeichnet und kontextualisiert. Der kreative Austausch der beiden Künstler:innen begann oft mit Entwürfen, die mit Wollfäden durchzogen wurden: ein wesentlicher Schritt im Herstellungsprozess. Das Kapitel WEBEN IST LEBEN rekonstruiert die Zusammenarbeit zwischen Lise Gujer und Ernst Ludwig Kirchner von den ersten Entwürfen bis zu den ausgeführten Kunstwerken. Der Nachlass Gujers, der die Entwürfe birgt, sollte erst 30 Jahre nach ihrem Tod im Jahr 1967 geöffnet werden. Das kritische Hinterfragen der Urheberschaft und die profunde Quellenauswertung bringt das eigenständige Werk der Textilkünstlerin zutage. Aussagekräftige Briefe und Tagebucheinträge von Ernst Ludwig Kirchner kommentieren das bildnerische Material.

Lise Gujer an ihrem Webstuhl in ihrem Haus «Gruoba», nach 1960 © gta Archiv / ETH Zürich, Nachlass Walter und Yolanda Custer-Cornut, Zürich

Ausstellungsansicht, Bündner Kunstmuseum Chur, 2024 © Bündner Kunstmuseum Chur, Thomas Strub

Im Kapitel ZWISCHEN LICHT UND SCHATTEN, DAS GREIFBARE wird Lise Gujers Werk in die textile Moderne eingewoben.

Ausgehend von der britischen Arts-and-Craft-Bewegung über die Forschungen des Wiener Kunsthistorikers Alois Riegl, bis hin zum Bauhaus, wird deutlich, dass die textile Kunst in der modernen Kunst eine wichtige Rolle spielte. Dabei steht das künstlerische und theoretische Werk prägender Textilkünstlerinnen wie Sonia Delaunay, Sophie Taeuber-Arp, Anni Albers, Gunta Stölzl, Otti Berger, Friedl Dicker und Johanna Schütz-Wolf im Zentrum. „Die neue Art zu malen“ wurde auch in anderen Kontexten über das Textile möglich, eröffneten Textilien in der modernen Kunst doch oft den Zugang zu Abstraktion und flächiger Farbigkeit.

Das Kapitel LOSE FÄDEN, OFFENE ENDEN nimmt die Wirkereien von Lise Gujer unter die Lupe und geht auf die Technik ein. Erst klärt sich der Unterschied zwischen Wirken und Weben: Während beim Weben der Schussfaden kontinuierlich von einer Seite zur anderen verarbeitet wird, wird er beim Wirken nur an den Stellen eingelegt, wo er gebraucht wird. Lise Gujer musste ihre Technik erst von der Weberei zur Wirkerei hin entwickeln, um die gewünschten Farbwirkungen und expressiven Qualitäten zu erzielen. Die textiltechnologischen Untersuchungen ihrer Werke geben Aufschluss über Kett- und Schussfadenmaterial und schärfen den Blick für die Techniken und Materialien der Wirkerei und Weberei.

Eine Biografie sowie Texte zur Rezeption Lise Gujers und ihres Werkes aus den fünfziger bis siebziger Jahren runden den reichhaltigen Katalog ab. Der Beitrag von Fritz Dürst zeigt Lise Gujer nicht nur als Künstlerin, sondern auch als Gastgeberin – mit Anekdoten und Rezepten wie „Linzertorte à la Gujer“ oder ihrer Lieblingsspeise, dem Sauerkraut.

Mit „Lise Gujer. Eine neue Art zu malen“ gelingt eine Einführung in das Leben und Werk einer bisher kaum bekannten Künstlerin sowie die kritische Beleuchtung ihrer Zusammenarbeit mit Ernst Ludwig Kirchner. Lise Gujers Bildteppiche nehmen nun einen eigenen Platz in der Kunst des Expressionismus ein und eröffnen einen neuen Blick auf die textile Kunst der Moderne. 

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Bergwiese mit Frauen – Frauenakte in Landschaft, 1925-1926 / nach 1952 © Bündner Kunstmuseum Chur, Thomas Strub

Das Leben – Hagemann Teppich, 1927-1932 © Städel Museum, Frankfurt am Main


Katalog:
Titel: Lise Gujer: Eine neue Art zu malen
Herausgegeben von Stephan Kunz, Lisa Marei Schmidt

Verlag: Scheidegger & Spiess, 2025
Buchnummer: ISBN 978-3-03942-255-5
192 Seiten, 20 x 28.5 cm, 108 farbige und 14 schwarz/weiß Abbildungen
Preis: SFR 35,00 / EUR 35,00