Bernhard Maaz:
Max Uhlig Aquarell-Riss-Collagen


03. Juni 2026,
Geschrieben von Melanie Obraz

Mit seinem neuen Band über den Maler und Grafiker Max Uhlig (*1937) widmet sich der Kunsthistoriker Bernhard Maaz einem ebenso radikalen wie faszinierenden Spätwerk: den Aquarell-Riss-Collagen. Die Publikation eröffnet einen konzentrierten Blick auf Uhligs künstlerische Strategie zwischen Zerstörung, Fragmentierung und Neuschöpfung – und zeigt, wie aus zerrissenen Bildwelten überraschend neue Formen, Dynamiken und Bedeutungsebenen entstehen.

Zwei Kobolde, 2022 © VG Bild-Kunst, Bonn 2026

„Uhlig setzte den letzten Abstraktionsakt hiermit und realisierte seine Abstraktion ad extremum.“

Das Cover zeigt die Aquarell-Riss-Collage mit dem von Uhlig ausgewählten Titel: „Nach links aufgerichtet, 2022. Das Buch illustriert auf 80 Seiten pointiert die Qualität der Aquarell-Riss-Collagen im Spätwerk von Uhlig. Was bekundet nun dieses Spätwerk und in welcher Beziehung steht es zu den Anfängen und zum Hauptwerk? Eigentlich deutete sich diese Phase schon zu Beginn des Schaffensprozesses an; man denke nur an die vielsagenden Frakturbilder des Künstlers. Jene Tendenz des Zerreißens, um ein Thema in eine neue Form und Formsprache zu überführen, bezeugt sich schon im Früh- wie auch im Hauptwerk von Max Uhlig. Alles findet sich in einer Verflechtung von Linien und Punkten und so entstehen völlig neue visuelle Eindrücke, basierend auf einer Gabe zur Abstraktion, die Uhlig auszeichnet. Belege dafür finden sich in seinen grafischen wie auch malerischen Werken, die ebenso darauf angelegt sind, in einer gezielten Strichführung die Objekte quasi zu zerlegen, um so zur Abstraktion überzuleiten. In diesem Sinne darf das Zerreißen und Schneiden seiner eigenen älteren Werke nur als konsequente Folge angesehen werden. Uhlig setzte den letzten Abstraktionsakt hiermit und realisierte seine Abstraktion ad extremum.

Damit zeigt sich, mit welcher Intensität Uhlig zum Essenziellen seiner Werke vordringen will und sie sozusagen aus einem noch bestehenden Kokon des Gefangenseins befreit. Ein völlig neuer Blickwinkel präsentiert sich dem Publikum und beweist zugleich wie sehr es dem Künstler gelingt, ein Mehr an Sichtbarkeit zu erzeugen. Alles wird fragmentarisch und verlangt so auch vom Publikum, jene Risse mitzuvollziehen. Verlangt doch gerade das Fragmentarische eine Eigenarbeit und besondere Konzentration in puncto Interpretation. Die Aquarell-Riss-Collagen wirken sozusagen von ihren alten Bildern – Bildhüllen – befreit.

Alles kulminiert zu einer fast schon beinahe bombastischen Dynamik und einem steten Zirkulieren. Dass die Papierkante auch infolge des Reißens nicht kalkulierbar in bestimmter Weise verläuft, unterstreicht nochmals das Dynamische und sozusagen auch gewollt Zufällige. Dabei bieten die daraus entstehenden Unregelmäßigkeiten den besonderen Reiz und verweisen auf ein eine neue zeichnerische Qualität, die den Betrachter:innen eine Tiefe zum Bildinneren hin eröffnet. Eigentlich könnte man sagen, dass etwas Zusätzliches aufgesetzt wird, um daraus ein völlig neues Kunstwerk entstehen zu lassen. Es ist diese Fraktilität, die sich an den Rändern in der Art ausdrückt und zu einer Plastizität beiträgt, die dem neu entstandenen Objekt den Effekt des sich Zersplitternden offenlegt. Es sind die Risse, die eben nicht geschnitten, sondern quasi zerfetzt sind und einer extremen Zufälligkeit anheim fallen. Nichts untersteht hier einer totalen Kontrolle.


Aufrichten nach links, 2021 © VG Bild-Kunst, Bonn 2026

Mit großem Schritt, 2024 © VG Bild-Kunst, Bonn 2026


Nach links aufgerichtet, 2021 © VG Bild-Kunst, Bonn 2026

Jedes der so neu entstandenen Kunstwerke, tritt zugleich in einen Dialog mit dem zugrunde liegenden und zerrissenen Werk. Das Alte findet im Neuen gleichsam das neue Leben – die alten Werke erstehen neu und verlieren nichts, sondern gewinnen eine neue künstlerische Seinsebene hinzu. Darüber hinaus ist es jene so bedeutende neue Ebene, die von der Farbe getragen wird. Der Autor Bernhard Maaz formuliert treffend: „Die Aquarell-Aufriss-Collagen aber überlisten die Zeit. Vor Jahren und Jahrzehnten bemalt, dann im Rahmen einer Qualitätskontrolle verworfen und doch nicht vernichtet, wurde ihr zeitloses Ende zugunsten der Neuverwendung aufgehalten, und in der Fragmentierung erfuhren sie eine Auferstehung zu neuem Bildrecht. Die erste künstlerische Lösung in oder auf ihnen – das ursprüngliche Aquarell – wird vernichtet, die Fragmente erfahren eine neue ‚Stunde null‘ und treten gleichsam in eine Reinkarnation.“

Die Werke haben also nicht nur etwas überstanden, sondern sind zu neuem Leben in der Kunst erwacht und haben den alten Kokon endgültig verlassen. Das ehemalige Gefüge ist nicht abgebrochen, sondern aufgebrochen, so wie sich neues Leben eine Bahn bricht, um an das Licht zu gelangen.

Die plastische Tiefe und suggerierende Dreidimensionalität sind eine Leistung, welche diese neuen Werke den Betrachter-Augen bieten. Die sich daraus entwickelnde neue Sinnebene wird noch um ein vielfaches Vielfaches erweitert, indem Uhlig seinen Werken Namen mit beschreibendem Charakter schenkt. Ganz im Gegensatz zu manch anderen Künstlern, die ihre Werke niemals mit Zusätzen versehen, setzt Uhlig gerade auf diese Eigenart. Warum? Was gewinnt das Kunstwerk und welche Bedeutung hat es für das Publikum? Es geht also um die Werktitel, die da lauten (Auswahl): „Zorniges Wesen, 2024. (11), Heroische Geste, 2021. (29), Weibliche Geste, 2022. (35), Frauenprofil, 2022. (36), Tastender Schritt, 2024. (46), Aufrichten nach links, 2021. (50).“ Als aufrüttelnder Appell steht das Werk „Am Tage des Überfalls auf die Ukraine, 2022. (25)“. Bernhard Maaz konstatiert, dass mit der spezifischen Wortwahl „Überfall“ zugleich die Assoziation des „Überfalls der Deutschen auf Polen“ geweckt werde.

„Gesprächsweise formulierte Max Uhlig über die Benennung der jüngsten Arbeiten, die bezeichnenderweise oftmals erst deutlich nach dem Schöpfungsmoment erfolgte, als ziehe eine diffuse Farbigkeit eine kreative Literarisierung nach sich.“ Und so bekundete Max Uhlig dem Autor: „Aus Farbschlieren sind Titel entstanden.“ Das Wort – ist es hier bei Uhlig als Vollendung des zeichnerischen, malerischen Agierens zu interpretieren? Ein sehr ausuferndes Thema!

Doch wenn auch das Wort hier eine herausragende zusätzliche Untermalung bietet, so steht doch die Farbe zentral. Es ist jene Farbigkeit, welche die Aquarell-Riss-Collagen in so fulminanter Weise in Erscheinung treten lassen.

„Die Aquarell-Riss-Collagen wirken sozusagen von ihren alten Bildern – Bildhüllen – befreit.“


Tiefseestudie, 2021 © VG Bild-Kunst, Bonn 2026

Fast beherrschend nimmt sich in vielen Collagen die dunkle Tonalität aus, die dennoch oft im Kontrast zu einem Gelb- oder auch Grünton steht. Ebenso wirkt Rot in entsprechend kontrastierender Art. Deutlich ist das vernehmbar in der Arbeit „Waldbrandglut, 2024 (21). Hier ist es das dunkle Rotbraun in Abgrenzung zum Grün und zu den schwarzen Spitzen, die kulminierend in einem dunklen Lilaton ihr Ende finden. Interessant ist, dass der Werktitel die eigene Assoziation nicht trübt, nicht überdeckt und auch nicht dominiert, sondern eher individuelle Interpretationen zusätzlich stützt und schürt, wie z.B. eine züngelnde feurige Hand, die unheilvoll die Natur umfängt.

Immer wieder muss betont werden, dass das Moment der Zerstörung zugleich die Kreation schlechthin ist, zumal es so auch die Farben verdeutlichen. Rot als die Farbe des Feuers, welches zerstört und zugleich auch wieder die Grundlage für neues Leben schafft. Darin spiegelt sich direkt auch die Arbeit des Papierreißens – ein Akt der Zerstörung, der dennoch für einen Neuanfang und eine Integration des Alten zum Neuen hin fungiert. Die Farben tragen das Zerrissene und fügen es mit der Essenzialität der Farbigkeit in das Bild ein, sie sind der Motor der Kreation in diesen Riss-Collagen – sie fügen es mit der puren Essenz ihrer Farbigkeit in das Innenleben des Bildes ein. Dadurch erlangen die Collagen eine Vitalität, die das Auge immer von Neuem zum Hinsehen reizt.

Wichtig ist, dass ebenso wie die Papierrisse auch die Farben kollagiert werden. So gesehen darf man von einem wechselseitigen Bedingen zwischen Papierrissen und Farben ausgehen. Erdtöne und Rot stehen hier in einer Symbiose wie auch Schwarz und Blau sich bedingen und vereinigend gegenüberstehen. Gelb ist oft als klarer Aufheller kontrastreich als Farbhintergrund oder Tupfer kontrastiert. So sprechen die Aquarell-Riss-Collagen durch ihre Farbe zu den Betrachter:innen. Die vielleicht zerstörerisch wirkende Negativität wird durch die Farbe wieder in etwas Positives transferiert. Jede Aquarell-Riss-Collage bezeugt gleichermaßen eine Dialektik von Vandalismus und Schöpfung. Die Potentialität der Farbe als Neubelebung ist der mutige Schritt, der hier im Spätwerk von Max Uhlig klar hervortritt und vom Autor Bernhard Maaz in sublimierter Weise und mit einschlägigen Literaturhinweisen zum Ausdruck gebracht wird.


Max Uhlig
Aquarell-Riss-Collagen
Bernhard Maaz

Verlag: Wienand
80 Seiten mit 55 farb. Abb.
ISBN 978-3-86832-851-6