Jenseits des Sichtbaren

Die Bilderwelt von Michael Triegel

Suermondt Ludwig Museum Aachen
bis 15.6. 2025


10. Mai 2025,
Geschrieben von Konrad Donhuijsen

Michael Triegel (*1968, Erfurt) zählt zu den bedeutendsten zeitgenössischen Künstlern. Seine Werke – von eindrucksvollen Altarbildern über Porträts bis hin zu Stillleben und Landschaftsaquarellen – verbinden eine meisterhafte Maltechnik mit einer intensiven Auseinandersetzung mit der Kunstgeschichte. Inspiriert von der Formenwelt der italienischen Renaissance, dem Manierismus und dem spanischen Barock, kreiert Triegel Bildwelten, in denen er Versatzstücke der antiken Mythologie, der biblischen Heilsgeschichte und des kulturhistorischen Repertoires aufgreift, neu kombiniert und interpretiert. Durch die altmeisterliche Lasurtechnik in Kombination mit hochaktuellen Inhalten gestaltet Triegel Bildwelten, die zugleich zeitlos und überraschend wirken: „Mein Spiel besteht gerade darin, den alten Meister auf den ersten Blick zu behaupten – und diesem ersten Eindruck dann möglichst wieder den Boden zu entziehen“.

Mein Spiel besteht gerade darin, den alten Meister auf den ersten Blick zu behaupten…

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Die Aachener Ausstellung präsentiert Triegels Ausdrucksvielfalt in ihrer ganzen Bandbreite: von großformatigen Arbeiten der 90er Jahre bis hin zu seinem neuesten Werk Junger Mann aus Procida (2025), das mittelalterliche Bildtradition, gelebte Glaubenspraxis und zeitgenössisches Porträt vereint. Die Schau bietet somit eine einzigartige Gelegenheit, das facettenreiche Werk dieses bedeutenden zeitgenössischen Malers zu erleben. Sie zeigt nicht nur seine meisterhafte Technik, sondern auch seine Fähigkeit, komplexe Themen auf eine Weise darzustellen, die traditionell wirkt und dennoch provoziert.

Neben den memento-mori-Sujets sehen wir liebevoll gehaltene Porträts junger oder altersweiser Männer und Frauen, etwa aus Neapel oder von der süditalienischen Insel Procida, oder das Antlitz der weisen Äbtissin von Kloster Helfta in Eisleben, Sachsen-Anhalt oder das bekannte Konterfei des hintergründig blickenden deutschen Papstes Benedikt XVI. von 2010. Schon diese altmeisterlichen Bilder stehen für sich und wirken nachdrücklich auf uns.

Andere Bilder überraschen nicht nur, sondern sie irritieren uns in hohem Maße. Sie zeigen neue Schichten des Unsichtbaren, zitieren bekannte christliche oder mythologische Narrative, weichen vom Gewohnten durch krasse Besonderheiten mehr oder weniger ab. So sieht man kleinformatig ein Andachtsbild einer Maria, die ein Jesuskind anbetet, das als Holzpuppe an Marionettenfäden hängt. Eine große Gliederpuppe aus Holz zitiert die Gottesmutter durch ihren blauen Schutzmantel, der uns auch als Grundlage der Europaflagge vertraut ist. Ihre Brüste sind Tennisbälle, der Mund ein Cartelino mit Lippenstift, der Hintergrund ein Wandteppich, der das Muster von der Verkündigung von Rogier van der Weyden übernommen hat.

Ausstellungsansichten

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Stilleben mit Mohn (2020)

Die Ernsthaftigkeit eines suchenden Künstlers wird spürbar, ohne dass das Belehrende dominiert.

Die Besucherin, der Besucher ist schon ohne das Jenseitige aus dem Ausstellungstitel vom Sichtbaren fasziniert. Der Maler, bekannt durch die Ergänzung des Cranach-Altares im Naumburger Dom, zeigt uns altmeisterliche Feinmalerei im Stil der Renaissance verbunden mit einer christlichen Thematik. Das ist für das 21. Jahrhundert sehr ungewöhnlich und eine Provokation durch den Gegenwartskünstler. Triegels zahlreiche Madonnenbilder evozieren die Assoziation Raffael reloaded und der Kenner findet in seinen Gemälden Zitate von Malern wie Jan van Eyck, Albrecht Dürer oder Sandro Boticelli. Überdies sind klassische Sujets der Barockzeit in feinen Strichen sorgfältig und nuanciert gemalt, wie Früchte-Stillleben mit Birnenquitten oder Nüssen, Vögel und Insekten, verwesende Katzen und Tierskelette als Natura morta, oder wie auf dem Ausstellungsplakat ein Totenschädel umgeben von Klatschmohn.

Ein segnender Christus über einem kerzenbeschienenen Rollstuhl in einem gefliesten Kellerraum, eine kopfüberstürzende Maria, die mit einem großen Dolch die rituelle Beschneidung des Christkindes selbst vornimmt, ein Gekreuzigter, der durch ein Betttuch verborgen bleibt und ein kleiner Verkündigungsengel über einer schutzlos liegenden nackten Maria sind weitere „fromme Motive“ aus dem Leben Christi. Der Maler bedient sich an Details aus der Renaissancearchitektur und kombiniert sie einfallsreich mit Versatzstücken aus der antiken Mythologie wie in dem surrealistisch anmutenden Gemälde Renaissance von 2015. Triegels Werke hinterfragen unser gewohntes Bild von christlichen oder mythologischen Szenarien, decouvrieren es als Klischee und konfrontieren es kritisch mit der Gegenwart. Dies geschieht ohne blasphemische Attitude oder Verletzung der Betrachter.  

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Vater und Tochter malen Mutter und Sohn (2005)

Selbstporträt (2020)

Die Ernsthaftigkeit eines suchenden Künstlers wird spürbar, ohne dass das Belehrende dominiert. Vielmehr gibt der mit Ironie gepaarte Einfallsreichtum dem transzendenten Jenseits ein hohes Maß an Leichtigkeit und Humor. Die zahlreichen Selbstbildnisse des Malers in unterschiedlichen Lebensaltern, die häufige Einbeziehung seiner Frau als Eva oder Maria sowie seiner Tochter als Kind und junge Frau sind weniger Ausdruck von Selbstverliebtheit und Eitelkeit, sondern reduzieren den zeitlichen Abstand zur Vergangenheit, aktualisieren das Geschehen und steigern unsere Identifikation mit dem zeitgenössischen Künstler und seinem Werk. Immerhin, seine Signatur ist angelehnt an die von Albrecht Dürer.

Das Suermondt-Ludwig-Museum befindet sich in einem mächtigen Neorenaissancebau des 19. Jahrhundert. Es beherbergt neben Objekten dieser Zeit mit christlicher und mythologischer Thematik sehr zahlreich Marienbilder und Statuen der rheinischen und flämischen Schulen. Dadurch bietet es den passenden Kontext zu Triegels Arbeiten, der von den Kuratoren der Ausstellung gekonnt aufgegriffen wird und zu einem differenzierten Übergang vom Museumsbestand zur Sonderausstellung führt. Hilfreich ist eine beispielhafte Erklärung, die auf die von Triegel benutzten Symbole und Metaphern verweist. Ein Video zum Papst-Porträt ergänzt die Präsentation. Ein Raum mit Landschaftsaquarellen und Alpenmotiven zeigt eine eigenständige Facette der Triegelschen Malerei, wirkt hier aber eher überflüssig.

Der üppig ausgestattete Katalog des Hirmer-Verlages – 35 Euro können als günstig angesehen werden – enthält Aufsätze mit weiteren Erklärungen und geht zusätzlich auf Triegels ortsständige Altarbilder ein. Der Künstler selbst beschreibt in einem Aufsatz von 2024 einige seiner beziehungsreichen Arbeiten.

Das Sammlerehepaar Peter und Irene Ludwig, Aachen, hat schon in den 70er Jahren die DDR-Kunst und insbesondere die Leipziger Schule gefördert, so dass die Ausstellung eines Leipziger Malers in Aachen folgerichtig ist.

Der Maler bedient sich an Details aus der Renaissancearchitektur und kombiniert sie einfallsreich mit Versatzstücken aus der antiken Mythologie wie in dem surrealistisch anmutenden Gemälde Renaissance von 2015.