Ambivalente Zeugnisse eines Übergangs —

Nürnbergs Globalgeschichte vor 500 Jahren


16. Apr. 2026,
Geschrieben von Walter Kayser

Grenzen schützen – und engen ein. Grenzüberschreitungen erweitern entsprechend den Horizont, bringen aber auch immer den Verlust an Orientierung und drohende Verständigungsschwierigkeiten mit sich. Globalisierungshistorie in postkolonialen Zeiten – das muss immer ein komplexes, dialektisch Unterfangen sein. Die nun zu Ende gegangene Nürnberger Ausstellung „Nürnberg GLOBAL 1300 – 1600“ hat sich dieser Herausforderung gestellt und nach Meinung von Walter Kayser auch gemeistert.

Albrecht Dürer: Rhinocerus, Nürnberg, 1515 © Germanisches Nationalmuseum, Nürnberg

In Zeiten von Protektionismus, von größenwahnsinnigen neoimperialen Wunschträumen, Zoll- und  Mentalitätsschranken allerorten erscheint das utopische Versprechen, welches noch vor wenigen Jahren das Wort „global“ insinuierte, wie eine Seifenblase zerplatzt zu sein. Irgendwie klang das ja auch einmal nach grenzenloser Verbrüderung, nach „Seid umschlungen Millionen! Diesen Kuss der ganzen Welt!“ – Hinkt deshalb die Ausstellung „Nürnberg GLOBAL 1300-1600“ dem Zeitgeist hinterher?

Mag sein, dass es die primäre Intention der Kuratoren dieser nun zu Ende gehenden Schau des „Germanischen Nationalmuseums“ (GNM) war, die Vergangenheit ihrer Stadt an der Pegnitz am Zauberglanz eben dieses Modeworts partizipieren zu lassen, war sie doch zweifellos in der Frühen Neuzeit ein Knotenpunkt des Austausches von Wissen, Technik und Waren aller Art. Denn nicht nur der Geschmack des berühmten Lebkuchens verlangte nach vielen Mandeln, Gewürzen wie Nelken, Zimt, Cardamon, Muskat und Vanille von weit her. Zweifellos, damals entstand so etwas wie eine „Vernetzung“ der Welt; aber es war nicht die erste Welle dieser Art, so wie die heutige nicht die letzte ist. Und ist es nicht mindestens so interessant, wie immer schon mit dem Verschwinden von Grenzen die Missverständnisse und das Negieren von Differenzen zunehmen und die Selbstverblendung wächst?

Globalisierung ist wohl immer ein in sich widersprüchlicher und dialektischer Prozess. Mag bis ins Spätmittelalter hinein das aus dem Altgriechischen stammende Wort „katholisch“ für den Anspruch des „Allumfassenden“gestanden haben; aber bald wurde der religiöse Geist abgelöst von der merkantilistisch-kapitalistischen Gier nach grenzenloser Rohstoffausbeutung und Expansion. Die Nürnberger Ausstellung und ihr im „Deutschen Kunstverlag“ erschienener Katalog dokumentieren das, indem sie zahllose Objekte versammeln, die unter einem anderen Gesichtspunkt durch die Maschen des Ausstellungsbetriebs fallen und womöglich in Vergessenheit geraten würden. Das broschierte Buch ist in bewährter Manier aufgebaut: auf einen Eingangsteil mit einem guten Dutzend Essays folgt ein Katalogteil, in dem die mehr als hundert Artefakte und ihre kulturübergreifenden Erzählungen schlaglichtartig vorgestellt werden. Die oft atemberaubend verzweigten Geschichten hinter der Geschichte erinnern ein wenig daran, wie Neil MacGregor vor Jahren die Schätze seines Britischen Museums, aber auch sehr unscheinbare Dinge aus Shakespeares Theaterwelt und einem religiös geprägtem Leben äußerst erfolgreich und unterhaltsam dem Vergessen entriss.

„Globalisierung ist wohl immer ein in sich widersprüchlicher und dialektischer Prozess.“

Zimt aus: Georg Öllinger: Magnarum medicine partium herbariae et zoographiae imagines, Nürnberg, um 1553 Universitätsbibliothek der FAU Erlangen-Nürnberg

Tomaten aus: Georg Öllinger: Magnarum medicine partium herbariae et zoographiae imagines, Nürnberg, um 1553 Universitätsbibliothek der FAU Erlangen-Nürnberg

„Ist es nicht mindestens so interessant, wie immer schon mit dem Verschwinden von Grenzen die Missverständnisse und das Negieren von Differenzen zunehmen und die Selbstverblendung wächst?“

Da wird deutlich, wie sehr Nürnberg vor 500 Jahren und mehr ein Zentrum des metallverarbeitenden Gewerbes geworden war. Ringpanzerhemden, Plattenharnische oder ätzverzierte Stangenwaffen dokumentieren die führende Rolle in der Waffenproduktion. Aber auch für die weithin exportierten „Beckenschlägerschüsseln“ aus Messing oder für die zahllosen liturgischen Gold- und Silberschmiedearbeiten benötigte man kostbare Metalle aus Übersee. Im Ständebuch aus dem Jahr 1550 werden nicht weniger als 2000 Meister im metallverarbeitenden Gewerbe aufgeführt. Wie sehr dann die durch Exporte in die große, weite Welt erwirtschafteten Gewinne geschickt re-investiert wurden, wird exemplarisch an einem Miniaturbergwerk deutlich. Es handelt sich dabei um ein kunstvoll gestaltetes Schaustück aus den Händen des angesehenen Nürnberger Goldschmieds Martin Stieber, datiert auf das Jahr 1563. Es zeigt emaillierte Figürchen, die in den Schrunden eines winzigen Bergmassivs aus Erz, Mineralien und Perlmutt herumklettern, Höhlen erkunden und eine Jagd veranstalten. In Auftrag gegeben wurde das merkwürdige Repräsentationsobjekt von dem stadtbekannten Fernhändler Scheurl, welcher besonders durch seine gut kalkulierten Investitionen in der Montanindustrie sein Vermögen gemacht hatte.

Plan von Tenochtitlán und des Golfs von Mexiko, in: Hernan Cortes: Praeclara Ferdinandi Cortesii de Nova maris Oceani Hyspania Narratio, Nürnberg, Friedrich Peypus, 1524; Österreichische Nationalbibliothek, Wien

Zugegeben, solche aus unterschiedlichsten Materialien zusammengebackenen „mixed-media-Objekte“ mögen einem ernsthaften ästhetischen Geschmack heutzutage so wenig genügen wie demnächst vielleicht ein Jeff Koons-Pudel oder die spektakuläre Damien Hirsts „Skull sculpture“ mit dem schönen Titel „For the Love of God“. Sie sind in jedem Fall Beleg für eine kuriose Überschneidung unterschiedlicher Kulturen und Konzepte.

Dasselbe gilt für ein manieristische Prunkstück, welches das „Grüne Gewölbe“ in Dresden beigesteuert hat: Auf eine Teakholzplatte mit einem Durchmesser von einem halben Meter mussten zunächst die zarten Finger indischer Kunsthandwerkerinnen Hunderte von kleinen Perlmuttschindeln aufbringen, bevor diese dann zur Weiterverarbeitung auf dem Seeweg von Gujarat über Lissabon in die Werkstatt des Nürnberger Goldschmieds Nicolaus Schmidt entsendet wurde. Dieser schuf dann unter Verwendung von drei großen Turbanschnecken, die wohl ebenfalls aus dem Indischen Ozean stammen dürften, eine Goldkanne in Form eines bizarren Drachens, umgeben von kleinen Flussgottheiten und Eidechsen, die das Ganze wiederum etwas in eine antike, europäische Geschmackstradition stellen sollten. Es ist zu vermuten, dass dieses Lavabo, in derart komplizierter überseeischer Arbeitsteilung entstanden, bereits in seiner Entstehungszeit als zu wertvoll angesehen worden ist, als dass sich jemals irgendwelche schmutzigen Kapitalistenhände damit rein gewaschen hätten. Straußeneier oder Kokosnüsse als exotischer Dekor in Pokalen, die Rialtobrücke als mitgebrachtes Baukastenmodell im Futteral, ein Kartenspiel mit ethnischen Stereotypen, Adaptionen von osmanischem Kunsthandwerk – allenthalben zeugen die Objekte von der Begegnung, den Anverwandlungen und Missverständnissen zwischen Kulturen, und auf jenen Fall immer von dem Bedürfnis, Weltläufigkeit zur Schau zu stellen.

Albrecht Dürer: Petrus und Johannes heilen den Lahmen, Nürnberg, 1513 Kupferstich Germanisches Nationalmuseum, Nürnberg

Albrecht Dürer: Kaiser Sigismund, Nürnberg, um 1511/13 Germanisches Nationalmuseum, Nürnberg Dauerleihgabe der Museen der Stadt Nürnberg, Kunstsammlungen Kat. Nr. 7 Foto: GNM, Dirk Meßberger

„Es lief und läuft nicht alles rund, was mit der Globalgeschichte verbunden ist.“

Nürnberg, einst die Stadt der Reichskleinodien und (ab 1356) der Reichstage, sah sich in einer Linie mit Augsburg, Genua, Venedig und den im 16. Jahrhundert mehr und mehr an Bedeutung gewinnenden Atlantikhäfen von Antwerpen, Sevilla und Lissabon. Es hatte beste Verbindungen in den Orient wie über die iberische Insel in den Westen. Davon zeugen Reiseberichte, Itinera, topografische Drucke und etliche Artefakte unterschiedlicher Gattungen, deren widerspruchsvolle Verflechtung mit der europäischen Expansion sich erst erschließen, wenn die Narrative hinter den Objekten so geschickt zur Sprache gebracht werden, wie das hier geschieht. Es lief und läuft nicht alles rund, was mit der Globalgeschichte verbunden ist. Selbst das vielleicht berühmteste Nürnberger Ausstellungsstück, der Behaim-Globus für das dortige Rathaus von 1492 -94, ältester „Erdapfel“ und seit 2023 UNESCO – Weltdokumentenerbe, ist ein eindrucksvolles Zeugnis eurozentristischer Sicht. Ein ambivalentes Dokument des Übergangs. Als erste europäische Weltkarte verzichtet er nämlich auf biblisch-heilsgeschichtliche Verortungen wie Jerusalem oder die Lokalität des Paradieses irgendwo im Zweistromland; zugleich aber beginnt hier die bis heute beherrschende Perspektive auf wertvolle Rohstoffe die Oberhand, auf Gewinnmaximierung und Ressourcenausbeutung und die schnellsten Handelsrouten einer größer gewordenen, zugleich aber auch überschaubareren Welt. Wie sehr der Vater des Globuskonzepts, der gebürtige Nürnberger Martin Behaim (1459-1507), selbst von der Umbruchzeit gezeichnet war, erschließt sich vollends, wenn man seinen Globus (zu Recht Katalognummer 1) mit den beiden unscheinbaren Lichthaltern verbindet, die er für die Katharinenkirche seiner Geburtsstadt anfertigen ließ (Katalognummer 114). Unfreiwillig komisch mutet die lateinische Randinschrift an, mit der er, der in portugiesischen Diensten als Entdecker und Eroberer tätig und entsprechend liiert gewesen war, sein Seelenheil durch Gedenken in der Heimat sichern wollte: „Martin Behaim, vergoldeter Ritter des durchlauchtigsten Königs von Portugal, hat die Afrikaner und Mauren tapfer bekämpft und über die Grenzen der Welt hinaus geheiratet.“

„Auch für die interkulturelle Begegnung in einer globalisierten Welt gilt: Es lebe die Kultur des Irrtums!“

Scheurlsche Erzstufe, Nürnberg, 1563 hergestellt von Martin Stieber Germanisches Nationalmuseum, Nürnberg Kat. Nr. 27; Foto: GNM, Felix Röser

Schon Georg Christoph Lichtenberg notierte um 1785 in seinen „Sudelbüchern“ die pointierte Einsicht: „Der Amerikaner, der den Columbus zuerst entdeckte, machte eine böse Entdeckung.“ Entsprechend beleuchten die Kuratoren in der gebotenen Ausführlichkeit auch die Schattenseiten der Nürnberger Globalgeschichte. Die Erschließung der beiden Amerikas, die als „terrae novae“ zunächst noch als äußerster Teil des Orients galten, die Aufteilung der Interessengebiete zwischen spanischen und portugiesischen Kolonisatoren im Vertrag von Tordesillas im Jahr 1494, das Selbstverständnis einer Zeit, in der die Devise Karls V. „plus ultra“ noch völlig ungebrochen positiv gemeint war, – all das stellt sich heute anders da. Denn Nürnberger Kaufleute waren direkt oder indirekt auch an der Versklavung und Ausbeutung Westafrikas und „Lateinamerikas“ beteiligt.

Das auf den Plakaten (und dem Katalogcover) im Kreis rotierende Panzernashorn erinnert an das bei Kindergeburtstagen so beliebte Spiel „Stille Post“: Stimmt es, was ich gehört habe? Ist das Weitersagen ein Garant dafür, dass beim Empfänger auch ankommt, was ich gesagt und gemeint habe? Jeder kennt es, dieses Holzschnittblatt Dürers. In einer Zeit, in der die Lust auf die Entdeckung exotischer Neuigkeiten jenseits des Horizonts unstillbar war, brachte der Vertrieb  dem Künstler ungeahnte Gewinne ein. Doch auch hier offenbart die Geschichte dahinter erst die Komplexität, die jeder Globalisierung eigen ist. Denn der berühmteste Sohn der Stadt Nürnberg schuf sein „Rhinocerus“ 1515, ohne jemals ein solches Tier gesehen zu haben. Afonso de Albuquerque, Vertreter der portugiesischen Krone in Indien, hatte das Tier zu Beginn des Jahres 1514 als Geschenk von Sultan Muzafar II. Erhalten. Doch der beschloss, mit diesem Geschenk in der Gunst seines Königs, Manuel I. von Portugal, zu steigen. Dieser wiederum wollte es an den Medici-Papst Leo X. weiterzureichen. Doch leider erreichte es niemals sein Ziel, denn die kostbare Fracht  versank tragischerweise samt Schiff nördlich von La Spezia auf dem Weg nach Rom.  Ironie der Geschichte: Dürer stattete das Tier nach bestem Wissen und Gewissen mit einer Art mittelalterlicher Ritterrüstung aus, so dass das asiatische Rhinoceros unicornis auf ewig den deutschen Namen „Panzernashorn“ erhielt. Er setzte die ihm in Nürnberg zu Ohren gekommene Beschreibung so geschickt ins bildliche Medium um, dass man sein Rhinocerus bis weit ins 18. Jahrhundert für eine naturgetreue, exakte zoologische Darstellung hielt. – Auch für die interkulturelle Begegnung in einer globalisierten Welt gilt: Es lebe die Kultur des Irrtums!

Imhoff-Holzschuher-Pokal, Nürnberg, 1593/1602 hergestellt von Hans Pezolt Thyssen-Bornemisza Collections, Madrid


Nürnberg GLOBAL 1300-1600

Katalog zur gleichnamigen Ausstellung des Germanischen Nationalmuseums
Herausgeber:  Benno Baumbauer, Sven Jakstat , Marie-Therese Feist

Mit Beiträgen von Florian Abe, Tina Asmussen, Daniel Astorga Poblete, Benno Baumbauer, Laura Di Carlo, Marie-Therese Feist, Stefan Hanß, Daniel Hess, Elgidius B. Ichumbaki, Sven Jakstat, Monica Juneja, Henry Kaap, Meyrav Levy, Dominicus Makukula, Manuel Teget-Welz, Heike Zech

broschiert, 350 Seiten
Deutscher Kunstverlag, Berlin und München, 2025
ISBN-10  :  3422803211
ISBN-13  :  978-3422803213
Abmessungen  :  21.84 x 3.05 x 27.18 cm