Octogone—
Chalisée Naamani
29.01. – 06.04.2026,
Kunsthalle Wien
09. März 2026,
Geschrieben von Birgit Vollmeier
Es sind die vielen Details, die Chalisée Naamanis Ausstellung in der Kunsthalle Wien so besonders machen. Mit ihren skulpturalen, grafischen und textilen Arbeiten erzählt sie Geschichten, die nicht offensichtlich erscheinen, dafür umso tiefer gehen. In ihrer ersten institutionellen Ausstellung außerhalb Frankreichs bedient sie sich gekonnt aus dem reichen Schatz an dekorativen und ornamentalen Elementen verschiedenster Kulturen, verwebt ihre eigene Familiengeschichte mit aktuellen Anliegen und lädt mit bildhaften Zitaten zum Nachdenken ein.
Chalisée Naamani, Who claims love?, 2025, Ausstellungsansicht Palais de Tokyo, 2025 Courtesy Ciaccia Levi, Paris/Mailand, © Bildrecht, Wien 2026, Foto: Aurélien Mole
Die Ausstellung ist kraftvoll, bunt, fröhlich, nachdenklich und ruhig zugleich. Man wandert von einer Werkgruppe zur anderen und entdeckt permanent versteckte Zitate und Botschaften, Geschichten werden erzählt und eine Vielzahl an Denkanstößen gegeben. Tradition und Moderne finden harmonisch zueinander und eröffnen durch die Verbindung von scheinbar Gegensätzlichem neue Inhalte. Was bedeuten kultureller Transfer und die Nachahmung oder Aneignung von Ornamenten oder Symbolen in Zeiten der Migration und Vertreibung und welchen Einfluss haben eine global agierende Modeindustrie sowie eine überbordende Bildzirkulation im Internet darauf? Das sind die Fragen, die die junge Künstlerin bewegen und ihr Schaffen prägen.
Der Titel und die Raumgestaltung der Ausstellung beziehen sich auf das Zurkhaneh, das sich mit Haus der Kraft oder Stärke übersetzen lässt. Darunter versteht man im Iran und in benachbarten Ländern einen Trainingsraum, der einen achteckigen Ring beherbergt, in dem die traditionelle Kampfsportart Varzesh-e Pahlavani praktiziert wird. Diese Kampfkunst hat ihren Ursprung bereits in der vorislamischen Zeit und wurde nach der arabischen Eroberung des Iran im siebten Jahrhundert aufgrund seines revolutionären Potenzials als Form des kulturellen und physischen Widerstands verboten.
Die Künstlerin verwendet sowohl für das Oktogon als auch für die darüber von der Decke hängende Skulptur Bunch of Flowers – ein Arrangement aus Boxsäcken – zu großen Teilen Stoffe aus dem eigenen Familienbesitz. Hervor stechen dabei jene mit dem traditionellen persischen „Boteh Jeghe“-Muster, das in unseren Breiten erst durch die industrielle Fertigung in Schottland als Paisley bekannt wurde. Traditioneller Weise ist der Kampfsport Männern vorbehalten. Diesem Geschlechtsstereotyp widersetzt sich Naamani gekonnt, in dem sie auf dem Oktogon unter anderem Objekte platziert, die der kognitiven Entwicklung von Kleinkindern dienen.
„Ich schaffe etwas, das ich gerne als „Bild-Gewänder“ bezeichne. Es handelt sich dabei um richtige Kleidungsstücke mit Schnitten, Nähten und feinen Verzierungen, die jedoch nicht zum Tragen gedacht sind. Sie sind eher wie Skulpturen.“
Chalisée Naamani
Chalisée Naamani: Who claims love? (detail), 2025
Chalisée Naamani, L’Octogone (detail), 2025
Naamani greift Muster auf, um Fragen nach Originalität, Imitation und Aneignung zu stellen.
Das zentrale Element der Ausstellung bildet eine Umkleidekabine mit Spinden und Spiegeln. Auch hier verwebt sie die Kulturgeschichte des Iran mit der eigenen Familiengeschichten in Form ihres Großvaters, der die traditionelle Kampfsportart praktiziert hat. Als Teil der Installation Who claims love (2025) hat sie eine Schwarz-Weiß-Fotografie ihres medaillentragenden Großvaters auf ein Cape gestickt, das den traditionellen Trainingsgewändern nachempfunden ist. Damit verweist sie auf die Tatsache, dass diese Sportart, die von jeher nur Männern vorbehalten war, in jüngere Zeit im Zuge emanzipatorischer Bewegungen im Iran nun auch von Frauen beansprucht wird.
Widerstand und politischer Protest sind generell ein großes Thema für die junge Künstlerin. Mit mehreren Skulpturen greift sie die Bildsprache internationaler Protestbewegungen auf, in dem sie Kleidungsstücke zu Trägern emanzipatorischer Bewegungen macht: Mit From Iran (2025) greift sie zum Beispiel die Proteste gegen die Regierung der islamischen Republik Iran auf, die 2022 als Reaktion auf den Tod Masha Aminis in Polizeigewahrsam entstanden sind. Cape et gilet jaune (2020) wiederum befasst sich mit den gelb reflektierenden Westen, die der französischen Protestbewegung ihren Namen gegeben haben und – ganz aktuell und neu für diese Ausstellung konzipiert – die Skulptur No Kings, Only Queens (2026), die sich mit den jüngsten Kämpfen für Transrechte in den USA auseinandersetzt.
Ausstellungsansicht Chalisée Naamani: Octogone, Kunsthalle Wien 2026 Courtesy der Künstlerin, Foto: Markus Wörgötter
Chalisée Naamani, Foto: Léa Scheldeman
Eine spezielle Referenz an den Ausstellungsort, stellt neben anderen Werken auch Love and Ornament (2026) dar. Der Titel spielt auf den Essay des umstrittenen Architekten Adolf Loos an und greift auf den Kontext des Reisens zurück. Auf einem Hotel-Gepäckwagen hängen Pullover mit dem Slogan „I love Vienna“ und Einkaufstaschen mit Herzsymbolen. Ein Verweis darauf, wie inflationär dieses starke Symbol vor allem in sozialen Medien verwendet wird. In diesem Sinne: See you in Vienna!
Naamanis Praxis ist in einer intensiven Auseinandersetzung mit der Modegeschichte verankert. In einer Reihe neuer Arbeiten greift sie auf lokale kulturelle Referenzen zurück, um zu untersuchen, wie traditionelle Kleidungsstücke wie Dirndl oder Lederhosen durch ihre Gestaltung geschlechtsspezifische Ideale festschreiben, während sie zugleich körperliche Autonomie einschränken.
Ausstellungsansicht Chalisée Naamani: Octogone, Kunsthalle Wien 2026 Courtesy der Künstlerin, Foto: Markus Wörgötter
Chalisée Naamani, geboren 1995 in Paris, hatte Einzelausstellungen in Palais de Tokyo, Paris (2025) und La Galerie – Centre d’art contemporain de Noisy-le-Sec (2021). Ihre Arbeiten wurden auch in zahlreichen Institutionen gezeigt, darunter Le Delta, Namur (2025); Hangar Y, Meudon; FRAC Champagne-Adrenne, Reims (beide 2024); MUDAM Luxembourg; La Friche La Belle de Mai, Marsaille (beide 2023) sowie auf der Biennale de Nice (2022). Naamani wurde mit dem Pisa 500 Preis der Pinacoteca Agnelli, Turin (2023) und dem Benoît Doche de Laquitane Preis (2021) ausgezeichnet. Die Künstlerin lebt und arbeitet in Paris.
Limited Edition
Chalisée Naamani hat im Rahmen der Editionsreihe der Kunsthalle Wien einen Schal entworfen, der formal einem Fanschal im Fußball ähnelt und der die Slogans „Free Britney“ und „Free Iran“ trägt. Erhältlich ist der Schal vor Ort im Shop der Kunsthalle Wien sowie unter https://kunsthallewien/shop
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