Reinhard Liess

Dürers Aquarell
„Wassermühle im Gebirge“


12. Feb. 2026,
Geschrieben von Melanie Obraz

Es geht um eine bemerkenswerte kleine Schrift, ein handliches Büchlein, welches in keiner Bibliothek eines Kunstinteressierten fehlen sollte, gewährt es doch einen geradezu exakt gestalteten Einblick in die Arbeit des „Kunstschaffens“ einiger bedeutender Künstler. Albrecht Dürer (1471–1528) steht zwar hier an erster Stelle der Betrachtung, doch sind es die Verbindungslinien, welche von Reinhard Liess den Blick auf Hans Bol (1534–1593) und Pieter Bruegel (um 1525/1530–1569) werfen, um so verbindende Elemente des Schaffensprozesses herauszustellen. Melanie Obraz verfolgte diese spannende Herangehensweise.

Albrecht Dürer: Tal von Kalchreuth (1494 bis 1495) © Kupferstichkabinett Berlin

Das gerade einmal 61 Seiten umfassende Büchlein wartet sogar noch mit zahlreichen Bildern und Skizzen auf, worin sich eine Reichhaltigkeit zeigt, die in das Zentrum des Schaffensprozesses von Künstlern visuell verweist. Der Autor beschreibt dabei, wie ein Erarbeiten von Motiven vor sich geht. Die Art und Weise dieser Beschreibungen des Arbeitsvorganges vermitteln den Lesern prägnante Einblicke.

Jene angesprochenen Arbeitsvorgänge scheinen etwas zu spiegeln, was weit über den bloßen Akt des Zeichnens und Skizzierens hinausgeht. Es ist die Magie und der sich darin geheimnisvoll entfaltende Moment im Prozess des Schaffens, der den Lesern ein quasi Miterleben des Entstehens jenes geheimnisvollen Bildes suggeriert. Es ist die Wassermühle, die so gar nicht mehr funktionstüchtig ist und es vielleicht so nie war.

Wie sich ohnehin ein magischer Moment an den anderen reiht, bedenkt man, dass der malende Knabe im Bild gesichtslos auftritt und nicht wirklich – nicht aktiv – zeichnet, sondern „den Griffel (oder Pinsel)“ in die Höhe hält und so einen Abstand entstehen lässt. Sogleich wird klar, dass es nicht um ein naturgetreues Abbilden geht. Worum dann? Ist es das von Dürer so sehr betonte „Herausreißen dessen, was die Natur ausmacht“?

Und so rücken die beiden anderen großartigen Schöpfer der Kunst, Hans Bol (1534–1593) und Pieter Bruegel (um 1525/1530–1569), welche das Thema Wassermühle ebenfalls aufnahmen, in den Mittelpunkt, sahen sie jenes Motiv wohl ebenfalls als ideales Medium für die Intentionen eigener Schöpfungen. Werden die Betrachter und Leser intuitiv begreifen, was sich im Prozess des Malens und Zeichnens ereignet, und erkennen sie die feinen Unterschiede, die sich bei Hans Bol und Pieter Bruegel zeigen? Ist es eine völlig neue und andere Interpretation, die sich im Gegensatz zu Dürers Arbeit zeigt?

Albrecht Dürer: Innsbruck von Norden aus gesehen (ca. 1496) © Albertina Wien

“Es ist die Magie und der sich darin geheimnisvoll entfaltende Moment im Prozess des Schaffens…”

Die Zeichnungen erlangen eine Lebendigkeit und nehmen, einem Rohdiamant vergleichbar, Gestalt an. Damit zeigt sich ein Prozess der Entwicklung als ein gigantisches Unternehmen der Kunst.
So wird Dürer als Aquarellmaler thematisiert, und zwar mit einem vielleicht eher unscheinbaren Motiv? Darf man es so sehen? Auch die Betrachter werden sich diese Frage stellen und verwundert feststellen, in welchem Ausmaß das Aquarell an Größe gewinnt, wenn man es nur mit den Augen des Autors inspiziert. Hiermit zeigt sich auch ein Modell, das dazu anspornt, sich an Werke heranzutasten, um das Essentielle erfassen zu können. Doch bietet der Autor keine bloße Anleitung, welche die Leser in eine vorbestimmte Richtung führen soll, sondern weit mehr. Es ist die Aufforderung, sich selbst der Mühe des Hinsehens zu ergeben. So wird den Lesern die Vielfalt und Variationsbreite einer Interpretation unterbreitet, die nicht endet, weil sie nicht enden kann.

Hier sind die Leser wie Betrachter dazu aufgerufen, einer eigenen Spur zu folgen. Welcher der Künstler hat das Sujet am trefflichsten umgesetzt, und darf man sagen, dass es (zumindest in dieser Hinsicht) den Besten gab? Bestimmt ist es die Art, in welcher der Autor die Leser führt und sie damit gleichsam in Szene setzt, um sich ein eigenes Bild zu erschaffen. Die Zeichnungen erlangen eine Lebendigkeit und nehmen, einem Rohdiamant vergleichbar, Gestalt an. Damit zeigt sich ein Prozess der Entwicklung als ein gigantisches Unternehmen der Kunst.

So wird Dürer als Aquarellmaler thematisiert, und zwar mit einem vielleicht eher unscheinbaren Motiv? Darf man es so sehen? Auch die Betrachter werden sich diese Frage stellen und verwundert feststellen, in welchem Ausmaß das Aquarell an Größe gewinnt, wenn man es nur mit den Augen des Autors inspiziert. Hiermit zeigt sich auch ein Modell, das dazu anspornt, sich an Werke heranzutasten, um das Essentielle erfassen zu können. Doch bietet der Autor keine bloße Anleitung, welche die Leser in eine vorbestimmte Richtung führen soll, sondern weit mehr. Es ist die Aufforderung, sich selbst der Mühe des Hinsehens zu ergeben. So wird den Lesern die Vielfalt und Variationsbreite einer Interpretation unterbreitet, die nicht endet, weil sie nicht enden kann.

Obwohl kunsthistorisch hoch reflexiv geschrieben, überfordert der Text eine interessierte Leserschaft nicht und ist sogar geeignet, noch völlig Unbedarfte in den kunsthistorischen Kontext miteinzubeziehen. Dabei soll nicht verschwiegen werden, dass es nicht leicht ist, sich dem Thema Ästhetik-Verständnis und Kunsterleben bei Dürer zu widmen. Dennoch gelingt es dem Autor, mit den Lesern zu kommunizieren und gleichsam den Bezug zur Vergangenheit herzustellen, indem auf den Schaffensprozess des bestimmten Kunstwerkes gesehen wird und sich dadurch die Brücke zwischen Vergangenheit und Gegenwart ergibt. Dabei steht die nicht mehr funktionsfähige oder nie wirklich funktionierende Wassermühle als eine Metapher für was? Für eine Verlassenheit an sich, für eine sich wandelnde Gesellschaftsform?

Darüber hinaus widmet der Autor die letzten Seiten dem Exkurs „Bruegel-Fälschung“ und verweist hiermit auf eine in den Kunstwissenschaften stets spannende und nie endende Problematik.

Die Zeichnungen erlangen eine Lebendigkeit und nehmen, einem Rohdiamant vergleichbar, Gestalt an.


Titel: Dürers Aquarell Wassermühle im Gebirge. Mit einem Blick auf Hans Bol und Pieter Bruegel
Autor: Reinhard Liess
Verlag: Michael Imhof Verlag GmbH & Co. KG
Erschienen: Petersberg 2025
Umfang: 61 Seiten, 13 Abbildungen
ISBN: 978-3-7319-1563-8