Tama?s Kasza?s / Krisztia?n Kristo?f / Randomroutines: A Dream on Lucids. Edith-Russ-Haus fu?r Medienkunst Oldenburg. Bis 7. Jänner 2024
img 1
Kollektives Klarträumen
Wer den etwas versteckten Eingang des Edith-Russ-Hauses einmal durchschritten hat, befindet sich schon inmitten einer neuen Welt – die Luziden, man wird sie noch kennenlernen, haben gekapert, was zu kapern war. Klartra?umer sind sie, die Mitglieder der von Tama?s Kasza?s und Krisztia?n Kristo?f geschaffen fiktiven Sekte, und also solche darauf bedacht, den Besucher:innen ihre eigene Lebenswelt na?herzubringen. Rund um die Frage „Warum ko?nnen wir nicht leben, wie wir wollen?“ ermo?glicht die seit dem 26. Oktober laufende Ausstellung individuelle Auseinandersetzungsprozesse, die aus den Darstellungen der Luziden gepra?gt wird.
Klartra?umen, also einen tra?umerischen Zustand einnehmen, in dem man aber das volle Bewusstsein u?ber die eigenen Tra?ume hat und diese auch nach eigenen Entschlu?ssen steuern kann, ko?nnen nicht nur die Luziden, das kann vermutlich jeder, so weit ist sich die Traumwissenschaft sicher. Knapp die Ha?lfte aller Menschen hat einen solchen Traum bereits erlebt. Und das Gescha?ft boomt, Klartraumworkshops sind heiß begehrt.
Ob die Sektenmitglieder, die Kasza?s und Kristo?f in ihrem gemeinsamen Kollektiv Randomroutines geschaffen haben, solche Kurse auch besuchten, dazu werden keine Angaben gemacht. Fu?r die Ausstellung jedenfalls nimmt das gemeinsame Handeln der Luziden eine besondere Bedeutung ein. Sie teilen ihre Klartra?ume miteinander: „Indem sie aus den privaten Ecken der Traumlandschaft heraustreten, ko?nnen die Tra?umer ihre verschiedenen Traumlandschaften miteinander verbinden und eine neue gemeinsame Landschaft bilden“, schreibt dazu etwa das Kuratorenteam der OFF-Biennale in Budapest.
img 2
Dystopische Ausstellungsansichten
Ga?nzlich ungewo?hnlich pra?sentiert sich das Edith-Russ-Haus fu?r Medienkunst, welches sonst fast ausschließlich Video- und Soundarbeiten zeigt, insbesondere im Untergeschoss des Geba?udes, der bei dieser Schau zuerst in Betracht genommen werden sollte. Zwischen pseudo-dokumentarischen Bildern und ebenso anmutenden ethnografischen Objekten bewegen sich die Werke der Randomroutines, die in fu?nf Ra?umen einen Platz gefunden haben: Skulpturale Strukturen, Lichtinstallationen und Gema?lde stellen die Lebenswelten der Luziden dar. So werden beispielsweise dystopisch anmutende Rohbauten besetzt, eigene Lebensrealita?ten in gewachsene Strukturen hineinversetzt, wa?hrend nur wenige Meter weiter eine Auseinandersetzung mit extraterrestrischen Welten und einer kolonialen Besiedlung des Weltalls stattfindet.
Ihre utopischen Vorstellungen a?ußern die Luziden aber nicht nur in den Besetzungen von dystopischen Strukturen, insbesondere die „Sculpture for the Nearsighted“ (Krisztia?n Kristo?f, 2021) la?dt zur Auseinandersetzung mit den eigenen Vorstellungen von Lebenswelten ein. Durch den hohlen Kopf eines Luziden auf eine weiße Wand blickend, entwickelt sich zwischen Skulptur und Betrachter:innen eine Verbindung, die den eigenen Blick fokussiert und dadurch Fragen an das eigene Selbst stellt, dessen Existenz in solchen Beobachtungssituationen in den Hintergrund ru?ckt.
img 3
Luzide Erlebnisse
Im Erdgeschoss des Ausstellungshauses werden Besucher:innen unmittelbar visuell mit den Luziden konfrontiert. Die einstu?ndige Videoinstallation „A Dream on Lucids“ (2016-2023) verleiht der Ausstellung ihren Titel, bildet ihr Herzstu?ck und ist inmitten des Raumes auf einer rund einen Meter hohen Holzkonstruktion und Sitzsa?cken insbesondere im Liegen zu verfolgen. Auf allen Seiten der quadratischen Plattform werden Videoausschnitte, Dias und anderes Bildmaterial gezeigt, die zusammen mit einer auditiven Erza?hlung der Erlebnisse der Luziden ein breites Spektrum an Sinneswahrnehmungen beru?hren.
Ganz besonders hier werden die kollektiven Schaffungsprozesse einer Gesellschaft deutlich. Kasza?s und Kristo?f zeigen, wie kollektive Zusammenarbeit entstehen kann, wie Individuen sich darin verhalten und welche Hindernisse im Wege stehen und regen mit diesen Fragestellungen auch bei Besucher:innen eine Auseinandersetzung mit gesellschaftlichen Strukturen an. Ihre Arbeit geht zusammen mit der Sammlung an Objekten in den weiteren Ra?umen u?ber die gewohnten Medien des Edith-Russ- Hauses hinaus, la?sst dieses zu einem Ort der kritischen Auseinandersetzung mit ethnografischer Ausstellungspraxis und kollektiven Praktiken werden und erlaubt Erfahrungen in den luziden Traumwelten.
Tama?s Kasza?s / Krisztia?n Kristo?f / Randomroutines: A Dream on Lucids
Edith-Russ-Haus fu?r Medienkunst Oldenburg
kuratiert von Edit Molna?r und Marcel Schwierin
26.10.2023 – 07.01.2024
img 4