Ferdinand Georg Waldmüller.
Nach der Natur gemalt.
27. Februar – 14. Juni 2026
Unteres Belvedere
08. Juni 2026,
Geschrieben von Renate Vergeiner
Der Wiener Wald, der Dachstein, Ischl, Hallstatt, das Salzkammergut, Bad Aussee repräsentieren als vertraute und aenigmatische Orte das österreichische, ja spezifisch Wiener Selbst- und Naturverständnis. Dabei spielt der Ausstellungsort im Wiener Belvedere eine große Rolle, als er nach dem Prinzip von Ursache und Wirkung die Besucher:innen in das Geheimnis und Prinzip, ja in das Konzept Österreich verwickelt.
Ferdinand Georg Waldmüller, Große Praterlandschaft, 1849 Belvedere, Wien, Foto: Johannes Stoll
Die momentan laufende Waldmüller-Ausstellung ist ein stolzes Herzeigen der Bestände des Belvedere und zeigt ein OEvre, das einfach ist und schön. Einfach schön und erholsam durch Anschauen.
Die Bilder zeigen das einfache Leben, das mit dem hohen humanistischen Wert der Natur und der Heimat zusammenfällt; sie sind reinstes Biedermeier und die Ausstellung ist selbst bieder, was überhaupt nicht despektierlich gemeint ist sondern als Definition dessen, was tatsächlich jeder und jede gerne mag und von sich selbst gerne glauben möchte: schön und detailreich gemalte Ansichten der vertrauten und doch idealen Landschaften, mit denen sich vornehmlich Wiener:innen, die das Land ja bekanntermaßen lieben, identifizieren können.
Es stellt sich, ebenso wie heute, die Frage, ob der/die gebürtige Steirer:in, Ischler:in oder Hallstätter:in das ebenso sah oder sieht, aber sie stellt sich nicht in dieser Ausstellung, die den handwerklichen vor allem aber den künstlerischen Weg, den Wert und den Fortschritt im Werk des Malers betrachtet, dessen Charakteristikum die kongeniale Verbindung von Porträt- und Kulissenmalerei war.
Also wird Waldmüller zunächst anhand seiner idyllischen Landschaften vorgestellt, einzeln und auch in Kombination mit den Konterfeis gutsituierter Bürger, aber auch seine Entwicklung: wie sich aus den fast schon fotorealistischen Naturdarstellungen nahezu unmerklich einzelne Bäume wie Persönlichkeiten loszulösen vermögen und auf einmal die Hauptdarsteller sind.
Das kleine Glück, das heimatlich abstrahlt auf Familie und Gesellschaft.
Ferdinand Georg Waldmüller, Partie aus dem Prater, 1831 2017 Dauerleihgabe aus Privatbesitz, Belvedere, Wien, Foto: Johannes Stoll
Ferdinand Georg Waldmüller, Alte Ulmen im Prater, 1831 Hamburger Kunsthalle / Foto: Elke Walford
Im Italienurlaub hat uns dieses Licht verzaubert.
Waldmüllers Landschaften sind nicht so heroisch wie die Joseph Anton Kochs oder monumental wie die Caspar David Friedrichs sondern feiern in kleinformatigen, zarten und zugleich fesselnden Porträts bekannter Gegenden das kleine, unbedeutende, die Menschen umgebende Naturjuwel. Das kleine Glück, das heimatlich abstrahlt auf Familie und Gesellschaft.
Der Prater mit seinen gewaltigen Baumgruppen ist eines von Waldmüllers Lieblingsmotiven, das es freilich nicht mit dem gewaltigen Dachstein oder dem idyllischen Hallstatt aufnehmen kann, die heute zu unwahrscheinlicher Größe aufgeblähte Motive sind und als exotische Staffagen dienen, vor denen Selfies in Leasing-Trachtenmode für einen Tag („Dirndl to go“) gemacht werden.
Im nächsten Raum geht es mit Waldmüller nach Italien, und wohl alle erkennen sich in den wie von innen leuchtenden großformatigen Gemälden wieder, denn im Italienurlaub hat uns dieses Licht verzaubert.
Daneben ausgesprochen feinsinnige kleine Gemälde wie „Traubengehänge“, die pars pro toto das zeigen, was Italien ausmacht. Licht und Schatten einer genussvoll entspannten italienischen Siesta sind in der Bildkomposition und den Farben gegenwärtig. Durch die Abfolge der Bilder wird sichtbar wie und warum Waldmüller seiner Kunstfertigkeit noch die Beherrschung dieses speziellen atmosphärischen Licht Italiens hinzufügte, das selbst seinem Spätwerk noch eine fast überirdische Leuchtkraft verleiht.
Ferdinand Georg Waldmüller, Berglandschaft mit der Ruine Liechtenstein bei Mödling, 1859 LIECHTENSTEIN. The Princely Collections, Vaduz – Vienna
Biedermeierlich und italienisch zugleich ist das Familienbildnis, das offensichtlich gutbetuchte, gutfrisierte und gutgekleidete Eltern mit ihren acht Kindern vor der – eigentlich hochnoblen Wiener – Naturkulisse Ischls zeigt, die als natürliches Statussymbol das passende Bühnenbild abgibt. Naturverbundenheit und Familienzusammenhalt in einer von Industrialisierung bedrohten Welt haben ihr Gegenstück in aktuellen ökologischen Bewegungen, die ein neues Bewusstsein über Sinn und Wert neuer Technologien mit sich gebracht haben, die ganz offenkundig schon seit dem 19. Jhdt. den Menschen sich selbst und der Natur entfremden.
Die Naturkulisse Ischls gibt als natürliches Statussymbol das passende Bühnenbild ab.
Ferdinand Georg Waldmüller, Der Notar Dr. Josef August Eltz mit seiner Gattin Caroline, geb. Schaumburg, und den acht Kindern in Ischl, Familie Eltz, 1835 Belvedere Wien, Foto: Johannes Stoll
Ferdinand Georg Waldmüller, Der Wolfgangsee, 1835 Foto: Johannes Stoll / Belvedere, Wie
Nur scheinbar rückschrittlich in seiner Naivität und reizvoll durch die Analogie von Gebetbuch und Handy, die hier zum Verwechseln ähnlich sind, ist eines der letzten Gemälde der Ausstellung. Die Erwartete. Der festtäglich gewandete junge Mann, der seiner Angebeteten am Heimweg von der Kirche sozusagen auflauert und ihr gleich eine Rose überreichen wird, hat einen in seiner Unschuld rührenden Anschlag vor, mit dem sich wohl jeder und jede identifizieren möchte. Nicht nur sein Versteck im verwilderten Rand des Feldwegs, sondern auch die sittsame Haltung des jungen Mädchens und das Wissen um ihre Überraschung, wenn es im nächsten Augenblick die Rose als Zeichen seiner Liebe erhalten wird, sind als Momentaufnahme eines glücklichen Zeitaltes gemalt, in dem die Idylle noch galt und „das Leben war wie es sein könnte, wenn es nicht so wäre wie es ist“.
Ausstellungsansicht „Ferdinand Georg Waldmüller. Nach der Natur gemalt“, Unteres Belvedere Foto: Johannes Stoll / Belvedere, Wien
Ausstellungsansicht „Ferdinand Georg Waldmüller. Nach der Natur gemalt“, Unteres Belvedere Foto: Johannes Stoll / Belvedere, Wien
Der Katalog zur Ausstellung wendet sich auf deutsch und auf englisch an ein internationales Publikum, wobei die hervorragende Qualität der Abbildungen einen geistreichen Austausch von Bild und Wort eröffnet. Ein perfektes Wien-Souvenir als er die Besucher:innen des Belvedere vor allem nach der Ausstellung begleitet und interessiert; er beantwortet Fragen darüber hinaus, die zeitaktuell sind und einen Bogen spannen, den nur die Kunst spannen kann. Die ganze Aufmachung ist zwar dem Thema folgend aber gar nicht bieder sondern innovativ – vor allem empfiehlt sich der Kauf, wenn man mehr über die Entwicklung des Naturbegriffs und seiner Klischees wissen und im besten Sinn des Wortes nachdenken möchte. Einziger Kritikpunkt ist die etwas seltsame, weil viel zu sehr um Vollständigkeit bemühte Umschlaggestaltung.
Ferdinand Georg Waldmüller.
Nach der Natur gemalt.
27. Februar – 14. Juni 2026
Unteres Belvedere