Graue Zeiten.
William Kentridge in Essen
02. Jan. 2026,
Geschrieben von Torsten Kohlbrei
Achten wir also auf den Widerhall: It may be something that you feel in your body as an excitement, without being able to put your finger on what it is. Mit diesem Zitat des nun 70-jährigen William Kentridge, das in den Katalog zur Doppelausstellung in Essen und Dresden führt, gibt der südafrikanische Künstlerstar den Besucher:innen nicht nur eine Art Gebrauchsanleitung vor, er beschreibt zugleich seine eigene Strategie.
It may be something that you feel in your body as an excitement, without being able to put your finger on what ist is.
Die 160 Exponate aus fünf Jahrzehnten, die es allein im Folkwang Museum zu sehen gibt, sind allesamt Resonanzkörper. Sie reagieren auf Impulse aus der Geschichte und Gegenwart, fangen sie auf, werfen sie zurück als Bilder, Filme, Skulpturen und Installationen, die dann ihrerseits ein Echo bei den Betrachter:innen auslösen.
Das Wahrnehmen und Zurückwerfen, Sehen und Projizieren prägt schon die frühe Monotypie-Serie „The Pit“ von 1979, in der sich fantastische Geschöpfe und kunsthistorische Zitate als Echo surrealer Träume durch bühnenartige, tiefschwarze Bildräume bewegen. Gleiches gilt für die „Drawings for Projections“, jene animierten Kurzfilme, die Kentridge Anfang der neunziger Jahre berühmt machen. In Essen werden in einem großen, abgedunkelten Raum neben den Filmen auch die Drawings“ gezeigt, die großformatigen Kohlezeichnungen, die jeweils Basis eines kompletten Films sind: „Ich erstelle eine Zeichnung auf dem Papier, gehe zur Kamera, mache ein oder zwei Aufnahmen, gehe zurück zum Papier, verändere die Zeichnung ein bisschen, gehe zurück zur Kamera, zurück zum Papier zur Kamera und so weiter.“ Auch hier also das kreative sich selbst Betrachten, um dann das Wahrgenommene um eine weitere Ebene zu bereichern.
Als inhaltlichen Grundton aller Arbeiten macht die Ausstellung die Themen „Gerechtigkeit“ und konkreter auf die Biografie des Künstlers bezogen den „Kolonialismus in Afrika“ aus. Wobei in Essen Bezüge zum Bergbau in Johannesburg und der Welt der Grubenarbeiter betont werden, während in Dresden der berühmte Reiterzug aus 23.000 Fliesen den Anlass gibt, Kentridges Auseinandersetzung mit dem Bildmotiv „Prozession“ als Mittel zur Darstellung gesellschaftlicher Verhältnisse in den Mittelpunkt zu stellen.
Am eindrucksvollsten geraten die Arbeiten von William Kentridge immer dann, wenn sie unterschiedliche Materialien, Geschichten, Bildwelten zusammenbringen. Die Porter-Serie besteht aus handgewebten Teppichen. Sie zeigen europäische Landkarten, auf denen formatfüllende Schattenriss-Figuren – die „Träger“ – zu sehen sind. Diese zwischen 2001-07 entstandenen Tapisserien lassen sich als Verweise auf globale Migrationsbewegungen deuten. Zugleich beinhalten die zeitlos schwarzen Träger ein Echo aus kolonialen Zeiten. Wer kommt da zu uns? Und welches (historische) Gepäck trägt er oder sie mit sich?
William Kentridge im Museum Folkwang, Essen, Foto: Sebastian Drüen, Museum Folkwang, 2025 Werk ©William Kentridge, 2025
Kentridges soziale und die ebenso häufigen kunsthistorischen Resonanzen vermeiden alles Plakative, Propagandistische. Er folgt damit seinem Selbstverständnis, nachdem es der Job des Künstlers ist „Zeichnungen und nicht Sinn zu machen (Katalog, S. 195).
Diese Haltung hat sich über fünf Jahrzehnte bewahrt. Er fängt ein Echo auf, wie wir mit dem Gehörten verfahren, also welcher Bedeutung daraus zu ziehen ist, bleibt offen.
Ganz sicher ist dagegen, dass Kentridge neben der thematischen Arbeit einfach den Spaß am Bildermachen genießt. Von diesem, hier ist das Wort einmal angebracht, kreativen Geist zeugt der experimentelle Umgang mit Druckverfahren auf den frühen Blättern, seine spätere Filmtechnik, jederzeit der Reichtum an Bildfindungen. – Und die als wunderbarer Schlusspunkt der Ausstellung gezeigte Kurzfilm-Serie „Self-Portrait as a Coffee Pot“, die inszenierte Einblicke in Kentridges Studio und seinen Produktionsprozess bietet (zurzeit unter: https://mubi.com/de/de/series/self-portrait-as-a-coffee-pot ).
Hier sieht man animierte Metamorphosen seiner Zeichnungen. Hier diskutiert Kentridge per filmischer Doppelbelichtung mit sich selbst als alter Ego. Hier philosophiert Kentridge über Malerei: “So you start thinking you are doing a picture of the whole universe, but you end up with a coffeepot.” Im Film steht Kentridge parallel vor einem Bild mit einer gestischer Übermalung, die er wegwischt bis eine Kaffeekanne sichtbar wird. Doch der Film läuft rückwärts! Am Anfang steht also nicht das Chaos, sondern der gezeichnete Gegenstand? Oder war die Kaffeekanne das „Ganze“, wurde vom Künstler verwandelt, ging verloren und wurde schließlich zurückgeholt?
Das Gestalten bleibt ein Rätsel. Uns Betrachter:innen bleibt nur, der Wahrnehmung zu folgen und darauf zu lauschen, welche Assoziationen, Ideen, Einsichten sie auslöst: Listen to the Echo!
Er fängt ein Echo auf, wie wir mit dem Gehörten verfahren, also welcher Bedeutung daraus zu ziehen ist, bleibt offen.
Demands – Impossible!, 2009 Tusche auf Buchseiten, 167 x 164 cm Museum Folkwang, Essen Abb.: Jens Nober, Museum Folkwang © William Kentridge, 2025
Drawing for Self-Portrait as a Coffee-Pot (2 Private Thoughts), 2021 Tusche, Buntstift, Kohle, Pastellkreide und Collage auf Papier 152 x 208 cm Courtesy Mark und Dana Strong Abb.: Thys Dullaart © William Kentridge, 2025
William Kentridge. Listen to the Echo
September 2025 – 18. Januar 2026
Museum Folkwang, Museumsplatz 1, 45128 Essen
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Katalog
William Kentridge. Listen to the Echo (Göttingen 2025)
Museum Folkwang, Essen und Staatliche Kunstsammlungen Dresden (Hrsg.)
Der Katalog ist im Steidl Verlag (272 Seiten, 245 Abbildungen, 38,00 EUR) mit Beiträgen von: Nike Bätzner, Stephanie Buck, Martin Buhlig, Tobias Burg, Carolyn Christov-Bakargiev, Elvira Dyangani Ose, Ashraf Jamal, Kathi Loch, Mailena Mallach, Rebecca S. Schmidt, Hilke Wagner, Mathias Wagner erschienen
1. Ausgabe: ISBN 978-3-96999-476-4
engl. Ausgabe: ISBN 978-3-96999-475-7